Broom Bezzums

Broom Bezzums - Wine From A Mug
Steeplejack SJCD012 / inakusik      
Barcode: 4032127000195
      Veröffentlichung: 8. April 2011

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„The perfect match“ - Frischer Wind aus der modernen britischen Folk Szene bietet dem US Neo-Folk die Stirn. Die Broom Bezzums mit einer Brücke zwischen Vermächtnis und Vision, die man in der sonstigen Populärmusik heutzutage oftmals vergebens sucht.

 

Andrew Cadie und Mark Bloomer muss die Göttin Fortuna zusammengeführt haben. Die beiden englischen Folkmusiker sind zweifelsohne das, was man ein „perfect match“ nennt. Wer die beiden Musiker einmal live erlebt hat, wird bass erstaunt gewesen sein über die Vielseitigkeit und Virtuosität dieser Two-Man-Band, die nicht nur gesanglich wunderbar harmoniert, sondern sich auch an den Instrumenten verschiedener Provenienz perfekt ergänzt. Andrew, ausgestattet mit einem vollmundig-sanften Bariton, ist ein superber Fiddler und beherrscht die Northumbrian Pipes (Sackpfeife) ebenso gut wie das Gitarrenspiel. Mark Bloomer, dessen Stimme etwas aufgekratzter und rauchiger klingt, erweist sich so ziemlich auf allem, was Saiten hat, egal ob Gitarre, Mandola oder Mandoline, als ebenbürtiger Partner mit nicht minder feinem Gespür für Melodie und Wohlklang. Beide Musiker waren, bevor sie vor fünf Jahren das Duo Broom Bezzums gründeten, wahre Troubadoure, die das Schicksal von England über große Umwege in dieselbe deutsche Region verschlagen hat, in die Pfalz.

Die Broom Bezzums (ein alter Begriff für Reisigbesen) haben von dort aus ihre Kreise stetig größer gezogen und sich innerhalb weniger Jahre sowohl in der hiesigen als auch in der britischen Folkszene einen Namen gemacht. Wann immer sich die Möglichkeit bietet, spielen sie in Clubs und auf Festivals, sowohl in Deutschland als auch in England und Irland. Nun legt das produktive Duo bereits sein drittes Album vor, auf dem sie einmal mehr erlesenen Folktrüffeln, die sie aus was für Archiven auch immer ausgegraben haben, ein frisches Aroma verleihen und zudem verstärkt auf eigene Songs setzen, mit denen sie sich allmählich vom reinen Folk entfernen und zu neuen Ufern aufbrechen. Der Albumtitel „Wine From A Mug“ ist keine Anspielung auf den guten Wein aus der Pfalz, sondern das Leitmotiv des Titelsongs, einem frohgemuten Plädoyer für mehr Toleranz. Produziert haben die Broom Bezzums das Album zusammen mir Jürgen Treyz in seinem Studio in Esslingen, ergänzt um eine Session in Newcastle mit Katie Doherty, Andy May und Ian Stephenson als Gastmusiker. Mit „Wine From A Mug“ haben die Broom Bezzums ihr Meisterstück abgeliefert: ein Album, das nahelegt, dass dieses sympathische Duo mit seinen brisanten Songs bald weit über alle Folkzirkel hinaus für Begeisterung sorgen wird.

Mark Bloomer ist eigentlich von Haus aus Schlagzeuger. Aufgewachsen in Birmingham, schloss er sich in jungen Jahren Bands an, die im Fahrtwasser des Brit-Pop ihr Glück versuchten. Eine von diesen Bands, bei der Mark an den Drums saß, Babylon Zoo, kam mit „Spaceman“ groß raus, als er sich bereits anderen Sujets zugewandt hatte, nämlich der Suche nach traditioneller englischer Roots-Music. Aus einigen Wochen eines geplanten Kreativurlaubs in Irland wurden schließlich vier Jahre, in denen er sich in der Folkszene von Cork in diversen Formationen als Sänger und Gitarrist einen Namen machte. Dann zog es ihn wieder in die Ferne. Mark tourte als Folkmusiker noch lange Zeit durch Europa und ließ sich schließlich um der Liebe willen in der Pfalz nieder, wo er mit seiner deutschen Frau eine Familie gründete. 2005 lernte er bei einer Club-Session Andrew kennen, mit dem er ein Jahr später die Broom Bezzums ins Leben rief. The perfect match was found.

Andrew Cadie stammt aus einer sehr musikalischen Familie in Northumberland. Dort, hoch oben im Norden Englands, fast an der schottischen Grenze, kam er schon als Kind mit Folk in Berührung und trat mit seinem Vater in Pubs auf. Als seine Familie in die Midlands zog, erweiterte das zum Teenager herangereifte Musiktalent sein musikalisches Repertoire in der dort florierenden Songwriter-Szene. Mit 19 Jahren zog er dann auf eigene Faust als Straßenmusiker durch Europa, lebte für eine Weile in Spanien und ließ sich in Deutschland nieder, nachdem er sich in eine Deutsche verliebt hatte. Sein musikalischer Wissensdurst führte ihn schließlich dazu, von 2001 bis 2005 an der Universität von Newcastle Traditional Folk zu studieren, genauer gesagt Fiddle, Gitarre, Pipes und Gesang. Zu seinen Lehrern gehörten unter anderem Kathryn Tickell, eine Koryphäe an den Northumbrian Pipes, sowie die beiden Folk-Größen Chris Stout und Chris Wood. In Deutschland fand er mit Mark Bloomer schließlich einen kongenialen Partner, um seine musikalischen Ideen optimal zu verwirklichen.

Bereits auf ihrem im Jahr 2007 live im Studio aufgenommenen Debütalbum „Arise You Sons Of Freedom“ erwiesen sich die Broom Bezzums als findiges Duo, das Traditionals durch ihre erfrischende Spielweise und schlüssigen Arrangements neues Leben einzuverleiben verstand. Auf dem Programm stand vornehmlich politischer Folk aus diversen Jahrhunderten, Songs von Bergleuten, Arbeitern und Rebellen, in denen bereits die bis heute ungebrochene Sympathie für „working class heroes“ offenbar wurde. Hinzu kamen einige für die Broom Bezzums typische Instrumentals, meist Medleys aus alten Reels und Jigs. Auf dem zweiten Album „Under The Rug“ erweiterten die Broom Bezzums ein Jahr später ihr Oeuvre um eigene Kompositionen, mit denen sie sich als moderne Folkerneuerer von enormem Einfallsreichtum erwiesen. Klassiker wie der „Begging Song“ und Eigengewächse wie „Miner’s Ghost“ waren von gleich hoher Qualität und mit derselben Bravour aufgenommen worden, sodass es kaum verwunderte, dass sie 2009 auf dem Celtic Connections Festival in Glasgow gefeiert wurden und im Anschluss mit Englands Folkhelden Show Of Hands über den europäischen Kontinent tourten.

Auf „Wine From A Mug“ haben die Broom Bezzums ihr musikalisches Spektrum erneut erweitert. Nicht nur die exzellente Adaption des Woody-Guthrie-Evergreens „Columbus Stockade Blues“, den Mark Bloomer hier mit atemberaubender Intensität interpretiert, demonstriert, dass die beiden musikalisch nun über die britischen Grenzen hinausschauen. Der mit vollem Bandsound aufgenommene Titelsong könnte so auch von Calexico stammen, gesetzt den Fall, diese hätten ein Herz für englischen Folk. Auch der Opener „Empires“, eine Parabel über den Aufstieg und Fall von Imperien, ist nicht mehr purer Folk, sondern hat den Charme einer Americana-Perle, die mit flottem Gitarrenspiel und schöner Trompetenbegleitung zu glänzen weiß.

Inhaltlich offenbaren die Broom Bezzums ebenfalls eine neue Offenheit. Im Titelsong steckt eine Menge Lebensklugheit, und in „Beg Blag And Steel“ kommt das Robin-Hood-Naturell der beiden Musiker zum tragen. Zudem sind es einmal mehr wieder brillante Geschichten, die den Hörer in den Bann schlagen, etwa das packend arrangierte „Lucy Wan“, die bittere Tragödie eines Geschwistermords, oder die historisch belegte Geschichte der „Empire Windrush“, jenes als Kriegsbeute an die Engländer übergegangenes Transportschiff, das 1948 die ersten Einwanderer aus Jamaika nach England brachte und hier als Allegorie auf das Schicksal von Migranten, aber auch als Breitseite gegen die British National Party verstanden werden soll: Die Broom Bezzums lieben es, historische Ereignisse in einen zeitgemäßen Kontext zu setzen. In „The Liberties“ wird die Geschichte des aufrührerischen John Lilburne aufgegriffen. Freeborn John, wie er auch genannt wurde, machte sich im England des 17. Jahrhunderts für die Rechte freier Bürger stark und schuf einige demokratische Grundgedanken, die sogar in die US-amerikanische Verfassung eingeflossen sind. 

Neben ihren vom Humanismus getragenen politischen Überzeugungen als Motor ihres kreativen Schaffens blitzt bei diesen Überzeugungstätern immer wieder ihr englischer Humor auf. Bei ihren Konzerten kommentieren sie ihre Songs anekdotenreich, lakonisch und voller Sprachwitz in köstlichem „broken German“. Auch das macht den besonderen Charme dieses Duos aus, das in seiner Mischung aus Vermächtnis und Vision dem zeitgenössischen Folk eine Relevanz verleiht, die man in der sonstigen Populärmusik heutzutage oftmals vergebens sucht. Und dass man mit Andrew Cadie und Mark Bloomer seinen Heidenspaß haben kann, macht die Broom Bezzums zum echten Glücksfall für den Folk des 21. Jahrhunderts.


www.broombezzums.com/de