BOWW

BOWW – Tribal Poetry: The Tree

(Rhythming/Vertrieb: Galileo)      Veröffentlichung:    26. Februar  2010

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Livetermine in 2010!

Zeitlosigkeit statt Zeitgeist

ARCHAISCHER PULS, AKTUELLSTE TECHNOLOGIE UND DER MUT ZUR LANGEN FORM 

„Als ich 2005 in Südkorea mit traditionellen Meistermusikern spielte wurde mir klar, welche Bedeutung die Schlagzeuger in einer rhythmischen Kultur haben. Das schamanistische Erbe ist in der koreanischen Musik sehr präsent.“ Noch heute sind diese asiatischen Erfahrungen starke Inspirationsquelle für Gregor Hilbe, obwohl er natürlich weit davon entfernt ist, ursprüngliche „Ethno-Musik“ in seinen Kompositionen zu adaptieren. Es geht vielmehr um die Magie der Rhythmen und die Möglichkeiten, sie mit modernen elektronischen Sounds zu verzahnen, ohne dabei zwangsläufig auf dem Dancefloor zu landen. „Die Idee ist, eine leicht tranceartige Musik zu kreieren, die Körper und Geist, Grooves und improvisatorische Einfälle vereint.“

In die „Tribal Poetry“ von BOWW fließen viele Eindrücke aus unterschiedlichen Kulturen ein, die der kosmopolitische Schlagzeuger Hilbe seit Jahren rund um die Welt sammeln konnte. „In den Perkussions-Ensembles der Afro-Blocos im brasilianischen Salvador de Bahia spielen spirituelle Rhythmen ebenso eine tragende Rolle wie in der „Diwen“-Musik der Süd-Sahara“, erklärt Hilbe. Vielen Musiktraditionen rund um den Globus wohnt eine Nähe zur Natur inne und diese Verbundenheit zu den Elementen prägt auch BOWW – obwohl der in der Schweiz aufgewachsene Gregor Hilbe seit Dekaden ebenso konsequent mit digitaler Ästhetik arbeitet. Bei BOWW finden vermeintliche Kontrapunkte harmonisch zusammen: Improvisationen und Breakbeats, Tribal-Drumming und Spoken Poetry, archaischer Puls und aktuelle Elektronik.

Schon 1992 nahm Gregor Hilbe erstmals ein Laptop mit auf die Bühne. Seitdem prägte sein individueller Sound viele Projekte. Er spielte u.a. mit Dave Liebman und Sheila Jordan, Mark Murphy und dem Vienna Art Orchestra. Ohne Hilbes raffinierte Fusion von variablen Schlagzeugpatterns und ausgefeilten Elektronik-Einsätzen klängen stilprägende  Ensembles wie Tango Crash oder die „Electric Poetry & Lofi-Cookies“ der Jazz Bigband Graz (JBBG) sicher anders. Nach bald 20 Jahren Programmier-Erfahrung ist Hilbe dem größten Teil der Konkurrenz weit voraus – der detailscharfe Umgang mit Loops und Samples will schließlich gekonnt sein. Neben Patrice Héral und Audun Kleive gehört Hilbe zu den wenigen Schlagwerkern, die auch live akustische mit digitalen Welten wegweisend vereinen können.

„Das Interesse an elektronischen Klängen wurde bei mir und meinem Bruder schon früh geweckt, als unsere Freunde sich einen Minimoog leisten und wir damit experimentieren konnten“, beschreibt Gregor Hilbe seine juvenilen Anfänge. „Die Arbeit mit Elektronik und konventionellen Instrumenten ist bei mir von je her gleichberechtigt.“

Hilbe studierte Schlagzeug an der Hochschule in Graz, danach lebte der passionierte Kosmopolit zehn Jahre in Paris, drei in London, zuletzt in Basel, aktuell in Berlin. Noch globaler ist die Besetzung seines Ensembles BOWW, in dem Hilbe für Produktion sowie für große Teile von Komposition und Text verantwortlich ist. Das variable Cello des Argentiniers Martin Iannaccone (Tango Crash) changiert zwischen den Stilen und übernimmt auch die Rolle des Basses. Der jamaikanisch-britische Trompeter und Vokalist Kevin Davy (Lamb, Cheik Tidiane Seck) steuert flirrende, atmosphärische, dabei stets Soul-inspirierte Klänge bei. Aus Südafrika stammt der Freestyle-Poet Evaron Orange alias „Sky189“, dessen fließende Wortkaskaden mehr mit dem Stil von Ursula Rucker oder Linton Kwesi Johnson im Sinn haben als mit hart skandierenden Rappern. An Keyboards und Lap Steel-Gitarre malt Uli Rennert (Ray Anderson, Vinko Globokar, Bob Brookmeyer u.v.a.) im Geiste von Gil Evans mit Klangfarben. Volker Böhm schließlich modelliert mit selbst gebauten elektronischen Instrumenten die Klänge der Musiker in Echtzeit zu neuen Formen. 

Herausragendes Merkmal von „Tribal Poetry: The Tree“ ist seine zirkulierende Kontinuität. Zwar ist das Album in fünf Stücke zwischen 5 und knapp 17 Minuten Länge unterteilt, im Grunde klingt die Aufnahme indes wie ein einziger, sich mal nuanciert, mal pointiert wandelnder Track. Der Mut zur langen Form verweist auf visionären Jazz, der stetige Fluss auf Trance-Rituale. „Ich hatte für alle Musiker Module geschrieben, mit denen sie relativ frei arbeiten konnten“, erklärt Hilbe die Grundlagen, „ein Prinzip, das wir damals in Paris mit unserem Kollektiv ToySun und Tony Allen entwickelten.Für BOWW erwies sich diese Arbeitsweise ebenfalls als ideal. „Innerhalb der Band hat die Verständigung intuitiv sofort beim ersten Treffen funktioniert, obwohl sich die Musiker untereinander noch gar nicht kannten.“ Trotz komplexer Verflechtungen von Elektronik und originären Instrumenten wirkt BOWWs „Tribal Poetry“ organisch und beweglich. Sie öffnet Räume  für Improvisationen, die zukünftig noch weiter entwickelt werden können. Solos sind absichtsvoll knapp bemessen, um Atmosphäre und kreiselnden Charakter nicht zu unterminieren.

Vielleicht wurde Gregor Hilbe das feine Gespür für Stimmungen schon in die Wiege gelegt. „Mein Großvater in Tschechien war Stummfilm-Pianist und entwickelte schon in den sechziger Jahren eine frühe Art von Entspannungsmusik, die er „RON – Relaxation On Nervs“ nannte“, erwähnt Hilbe fast beiläufig, „und mein anderer Großvater war Schlagzeuger.“

Natürlich kreist BOWWs Debütalbum „Tribal Poetry: The Tree“ nicht zufällig um Bäume. „Ich bin ständig im Wald und mache dort Musik, weil ich mich dort in einen Zustand starker Kreativität versetzen kann“, beschreibt Gregor Hilbe seinen persönlichen engen Bezug zu  Bäumen und Wurzeln. Damit steht er in der Band nicht allein. „Martin Iannaccone zeigt mir in Buenos Aires mal einen heiligen Baum, der aussieht wie ein Dinosaurier, und der uns tief beeindruckt hat“, erzählt Gregor Hilbe, „und Evaron Orange kann zum Thema Natur als Quelle von Inspiration und Energie eine halbe Stunde lang spontane, rhythmische Poesie dichten.“

„Tribal Poetry: The Tree“ ist ein klares Bekenntnis zu Zeitlosigkeit statt Zeitgeist. BOWWs warmherzige Musik und undogmatische Poesie sind durchdrungen von universellen Werten, die dank ihrer modernen akustischen Umgebung aktueller denn je erscheinen. So schließen sich Kreise zwischen Kulturen und Philosophien, zwischen asiatischen Schamanen und europäischer Technologie (auf ganz emotionale Art).