KK-Strings bullerjan nächte

KK- STRINGS - Bullerjan Nächte     Veröffentlichung: 27. Juni 2011

Preiser Rec./Naxos/ EAN 9120013759960

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Das Streichquartett KK-STRINGS bewegt sich seit seiner Gründung 1990 im Spannungsfeld verschiedenster Genres. Ihr aktuelles Album „Вullerjan Nächte“ setzt dies konsequent fort. In neue Dimensionen stößt dabei ihr unverwechselbarer Sound vor, den sie vor allem den charakteristischen Eigenarrangements und ihrer unorthodoxen Spielweise verdanken.


Inspiriert durch die Verschiedenartigkeit ihrer Gäste (u.a. Hubert von Goisern, Angelika Kirchschlager, Tini Kainrath und Georg Breinschmid) spannt sich der musikalische Bogen von Polka bis Jazz, vom Hörspiel bis Electronic. Der Höreindruck dieser CD entzieht sich daher jeder Kategorisierung. Ohne auf kommerzielle Parameter zu schielen, kreieren die KK-STRINGS aus feinen Zutaten, exotischen Gewürze und Zubereitungsarten ein Menü, das die Bezeichnung „Nouvelle Cuisine Autrichienne“ durchaus verdient. Als einziger roter Faden zieht sich der erdige Klang von vier Streichern durch das Album, die weder Scheu vor schrägen Harmonien noch vor Arbeitsgeräuschen kennen.


Вullerjan Nächte“ ist ein sehr subjektives und eigenwilliges Protokoll der österreichischen Musikszene. Eine Momentaufnahme zwar, aber zugleich zeitlos in ihrer Radikalität und Originalität.


Persönliche Anmerkungen der KK-STRINGS zum Album:

Unser CD-Album „Bullerjan-Nächte“ gründet auf der simplen Idee, die klanglichen und stilistischen Möglichkeiten unseres Streichquartetts mithilfe von Gästen zu erweitern. Also bedienten wir uns der Woody Allan‘schen Frage „Was Sie schon immer mit einem Streichquartett machen wollten, sich aber nie zu fragen getrauten …“ Wir versuchten also die verschiedensten österreichischen KünstlerInnen zur Zusammenarbeit mit einem Streichquartett zu verführen. Dabei wollten wir unvoreingenommen alle Genre-Einflüsse zulassen, legten aber großes Augenmerk auf eine für uns stimmige Arbeitsweise:


Wohnzimmer: Balou Fahrner mit seinem Laptop, ein paar Mikrofone, süffiger Wein und gutes Essen ersetzten die sterile Atmosphäre eines High-Tech-Studios.

Langsamkeit: Wie einem guten Wein gaben wir unserer Produktion die notwendige Zeit zu reifen.

Tauschhandel: Statt Gagen vereinbarten wir mit unseren Gästen den gegenseitigen Austausch unserer musikalischen Kreativität.


Heraus kam eine entschleunigte, stressfreie Produktionsphase von zwei Jahren, geprägt durch zahllose „Bullerjan-Nächte“, also lange Abende rund um den legendären Bullerjan-Ofen in unserem Atelier am Wiener Alsergrund. Sein Knistern begleitete die Produktion von Anfang an und inspirierte zu Musik und Gesprächen oft bis in den frühen Morgen.


Wir waren mit Hubert von Goisern in Indien, ohne dorthin geflogen zu sein.

Wir entlockten Angelika Kirchschlager dadaistische Töne und Milan Turkovic höchst jazzige.

Wir adelten Tini Kainrath

Wir malten mit Klangfarben von Harri Stojka, Andie Gabauer, Obertonsänger Caspar Sacker und Mesner Peter Schuster.

Wir empfingen Kompositionen von Georg Breinschmid, Andy Baum, Thomas Gansch oder Tosca und teilten unsere eigenen großzügig aus.

Wir musizierten per Skype mit Thomas Lang in LA.

Wir verdanken Frank Hoffmann die Personalisierung unseres „Über-Wir“.


Und schlussendlich versandten wir zwölf Einwegkameras an unsere Gäste,

baten sie sich selbst zu portraitieren und uns dann den ausgeknipsten Apparat

zurückzuschicken, ohne selbst die Resultate gesehen zu haben.


Die Stücke

1. Dafroane Zeit


Andy Baum war für uns seit jeher ein herausragender Vertreter des österreichischen Pop. Sowohl wegen seiner stimmlichen Qualitäten als auch wegen der klanglichen Perfektion seiner Album-Produktionen, mit der er in unserem Land immer schon Standards gesetzt hat. Er ging sofort auf unseren Vorschlag ein, einem unveröffentlichten Song aus seiner Feder mit den Mitteln eines Streichquartetts neue Ausdrucksmöglichkeiten zu verleihen.

 

Wir alle plädierten einstimmig für „Dafroane Zeit“, ein eindringliches Lied über das Älterwerden.

Das Streichquartettarrangement hebt vor allem das Schmerzliche im Text hervor, die Pizzicatopassagen unterstreichen das gnadenlose Verrinnen der Zeit.


Andy Baum hat das Lied am Ende der Produktion noch einmal eingesungen, noch weiter weg von jeglicher Pop-Attitüde und trotz aller Intensität fast zerbrechlich. Das kongeniale Geigensolo von Rolo Bentz in der Mitte des Songs interpretiert Baums Text noch einmal auf ganz eigene Weise.


2. Franz!


Thomas Lang war in den Achtzigern Falcos Drummer und ist jetzt schon viele Jahre österreichisches Aushängeschild in der US-Rockszene. Seine Virtuosität ist frappierend und oft erinnert seine gedoppelte Bassdrum an Maschinengewehrfeuer. Diesen Sound machten wir uns in unserer Version der alten Kaiserhymne zunutze, einem rasenden, irgendwie kriegerischen Rockmonument, das kaum erahnen lässt, dass hier keine Rockband, sondern ein einfaches Streichquartett die Saiten malträtiert.


Die Zusammenarbeit mit dem in L.A. lebenden Künstler war erstaunlich einfach. Nach unserem einzigen Treff in Wien in der Villa Aurora am Wilhelminenberg stellten wir eine Pilotversion des Stücks auf den Server. Thomas Lang spielte in einem Studio in Las Vegas den Schlagzeug-Part ein, auf den wir dann abschließend in unserem Atelier die Streicher-Parts setzten.


3. Globalisierungswienerlied


Der Reiz dieses „Wienerlieds“ liegt für uns in dem für dieses Genre ungewöhnlichen Thema. Der Wiener blickt gewöhnlich nicht gern über die Grenzen seiner Wienerstadt hinaus. Das Thema Globalisierung, besungen mit der Poesie und gleichzeitigen Direktheit des Ausdrucks, wie es so nur der Dialekt – und da ganz besonders der Wiener Dialekt – kennt, ist sicher kein typischesWienerlied-Sujet. Der Song startet mit orientalischen Klängen, reist musikalisch und textlich über China und Südamerika bis nach Afrika, ehe er dann doch noch ganz am Schluss in Wien endet. Die perfekten Interpreten dafür waren für uns von Anfang an Thommy Hojsa und Helmut Emersberger, Urgesteine des neuen Wienerlieds und zwei Vorstadtphilosophen mit Tiefgang. In musikalischer Doppelconference singen sie sich gemeinsam mit dem Quartett um den ganzen Globus.


4. Rosa


Rupert Huber, gemeinsam mit Richard Dorfmeister Produzent des international erfolgreichen Electronic-Projects „Tosca“ trat an uns mit der Idee heran, für das Remix-Abum von „No Hassle“ den Titel „Rosa“ nur mit purem Streichquartett einzuspielen. Beim Umsetzen des feinen, perfekt gefeilten Sounddesigns einer Tosca-Nummer mit Streichern, entstanden sehr schnell neue Klänge und Kompositionsmuster. Es ergab sich eine Art von Minimal-Music aus dem Jonglieren mit nur wenigen musikalischen Elementen und dem subtilen Spiel mit Spannung und Entspannung.


Während der Song für das Tosca-Album „Pony – No Hassle“ von Richard Dorfmeister und Rupert Huber gemischt und geschnitten wurde, setzten wir für unser Album auf unseren eigenen Mix, mit etwas komplexeren Formen und einem anderen Aufbau.


5. Mit letzter Kraft


In vielen unserer Stücke übernimmt unser Cellist Jakob Krisper mit seinem Cello die Bassfunktion. Dennoch – oder auch deswegen – wollten wir auf diesem Album zumindest einmal einen Kontrabassisten an diese Stelle setzen.


Wir dachten dabei alle an den eigenwilligen musikalischen Grenzgänger und genialen Bassisten Georg Breinschmid. Der plädierte beim gemeinsamen Brainstorming sofort für eine noch unveröffentlichte Komposition aus seiner Feder, die wir dann für unser Projekt in einer Streichquintettversion arrangierten. Uns ging es darum, dem bekannten Breinschmid'schen Wahnsinn zusätzlich noch unseren eigenen überzustülpen. Die Schnellpolka „Mit letzter Kraft“ wurde so zum rasenden Sammmelsurium von scheinbar unmotivierten Taktwechseln, musikalischen Zitaten im Staccato-Rhythmus und paranoidem Wiener Polkaklang.


Bei der Aufnahme hetzte uns Georg Breinschmid mit seinen treibenden Basslines gnadenlos durch das Stück, brachte uns an die Grenzen unserer instrumentaltechnischen Möglichkeiten und verlieh so dem Titel „Mit letzter Kraft“ die finale Glaubwürdigkeit.


6. Lakmé


Oper war das Thema, das sich Tini Kainrath auf unsere Vorgabe „Was Sie schon immer mit einem Streichquartett machen wollten, sich aber nie zu fragen getrauten ...“ erbeten hatte. Wir einigten uns auf Delibes Blumenduett, eine Arie mit seltsamer Magie und dekadentem Fin-de-Siècle-Flair.


Das Schwierigste zu Anfang war, eine Tonart zu finden, die das warme und zugleich rauchige Alt-Timbre der österreichischen Soulsängerin voll zum Erblühen bringt. Dieser Song ist auf unserem Album vielleicht der konventionellste geworden. Die Arie, ursprünglich eigentlich ein Duett, wurde durch behutsame Reharmonisierung zur getragenen Jazzballade und bleibt dabei doch recht nahe am Original. Einer der Refrains wurde quasi als Reminiszenz sogar in der Originalform behalten. Das durchkomponierte Violinsolo gleich danach weist aber sofort wieder in Richtung Jazz und erfüllt auch die Aufgabe, das Streichquartett in diesem Song als gleichwertigen Partner der Gesangstimme zu manifestieren.


7. Super-Dooper


Dieser Song war quasi der Startschuss für unser Projekt, und Milan Turkovic der erste unserer Gäste, mit dem wir aufnahmen. Wir hatten ein Jahr zuvor ein gemeinsames Konzert mit dem Grandseigneur des Fagotts im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins gegeben und dabei unter anderem bei kammermusikalischen Jazzkompositionen von Wynton Marsalis die Qualitäten der Besetzung Streicher plus Fagott schätzen und lieben gelernt.


Super-Dooper ist eine eigenwillige Komposition, die schwer kategorisierbar ist: Am ehesten ist es wohl Jazz, jedoch garniert mit vielen andern Elementen, wie zum Beispiel einer fast klassischen Kadenz des Fagotts in der Mitte des Werks und anschließend gleich einer klanglichen Hommage an das alte Hollywood-Kino. Das Fagott ist sowohl als Bass- als auch als Melodieinstrument gleichberechtigt mit allen anderen Stimmen im Ensemble eingesetzt.


Bewundernswert für uns war, wie viel musikalisches Einfühlungsvermögen der „Klassiker“ Turkovic den schrägen Jazzelementen des Werkes entgegenbrachte.


8. Ka Jodler


Das Stück „Ka Jodler“ entstand in dem Bestreben, für die Stimme unseres Gastes Hubert von Goisern eine neue Ebene zu schaffen und ihr größtmögliche Freiheit zu geben. Viele der kompositorischen Elemente sind von indischer Musik beeinflusst: der Obertongesang am Anfang und Ende, der einer Sitar ähnliche Sound der begleitenden Geige, die Harmonien ohne jeden Ansatz europäischer Funktionsharmonik. Die Viola-Soli von Azzi Finder sind vom südindischen Geigenstil Dr. L.Subramiams inspiriert.


Und über alledem erhebt sich schlussendlich – formal völlig frei – die unverwechselbare Stimme Hubert von Goiserns. Der atmosphärische Klang des Streichquartetts gibt seinen Jodlern allen Raum der Welt und lässt eine Stimmung entstehen, die wohl in dieser Form noch nie auf einem Tonträger zu hören war.


9. Ofentüre


Einer der Songs ohne Gast. Pures Streichquartett mit dem Bestreben, maximale Größe im reinen Quartettklang zu erreichen.


Dieser Titel ist der einzige auf der CD, der sozusagen „klassisch“ harmonisiert ist. Seine Schrägheit erschließt sich auf anderen Ebenen. Der Anfang, ein Thema wie aus einem Peter- Greenaway-Film, steht im 7/4-Takt. Der Mittelteil ist eine klangexperimentelle Fortführung des passacagliaartigen Themas im 7/8-Takt, also gewissermaßen in Double-Time. Am Schluss wechselt das Ganze schließlich ins Monumentale: Cello und Bratsche doppeln die Melodielinie, die Geigen spielen synchron eine strenge, tangoartige Begleitung. Die ganze Komposition schraubt sich – für den Hörer fast unmerklich – durch den halben Quintenzirkel und erhält dadurch zusätzlich ein Element durchgehender Steigerung.

http://www.kk-strings.com/