Mayra Andrade

Mayra Andrade - 'Stória, Stória...'
RCA Victor / Sony Music               V.Ö. 26.6.09    

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live

02 juli 2009 Ludwigsburg(D) Ludiwgsburger Schlossfestspiele
03 juli 2009 Salzau(D) Jazz-Baltica Festival
16 juli 2009 Darmstadt (D) Central Station
18 juli 2009 Kassel (G) Kulturzelt
19 juli 2009 Karlsruhe(G) Zeltival

»Dieses Album trägt die Spuren vieler Reisen.«

Zum Auftakt des Gespächs erzählt Mayra Andrade, worum es in »Stória, stória…« geht.

2006 entstieg eine neue Stimme dem Kapverdischen Archipel im Atlantischen Ozean: Mayra Andrade legte mit ihrem Debüt-Album »Navega« eine Sammlung von Songs vor, die in der musikalischen Tradition ihres Heimatlandes verwurzelt sind, sich aber auch von verschiedensten anderen Musikstilen inspiriert zeigen. Drei Jahre und zahllose Auftritte später hat die Sängerin heute die Anker gelichtet und ist der Richtung gefolgt, in die die Passatwinde sie seit jeher trieben. Die großen Stimmen der Kapverden haben ihre Kindheit geprägt, doch ihre Musik schöpft aus allen erdenklichen Quellen »von radikalem Free Jazz bis zur brasilianischen Musik«.

Mayra Andrade, 1985 in Kuba geboren, hat ihre ersten Lebensjahre auf den Kapverden verbracht und seit den 90ern unter anderem in Senegal, Angola und Deutschland gelebt. Als Teenagerin gewann sie 2001 die Goldmedaille bei den »Jeux de la francophonie« in Ottawa, Kanada. »Schon seit meinem sechsten Lebensjahr spreche ich Französisch. Es ist praktisch meine dritte Muttersprache.« Sie ließ sich schließlich in Paris nieder, angezogen vom kosmopolitischen Geist dieser Stadt; der Schmelztiegel verschiedenster Kulturen sollte sich für sie als idealer Ort erweisen, um musikalisch wie auch privat ihren Weg zu finden.

»Ich bin keine explizit kapverdische Sängerin. Ich bin einfach Sängerin, und Punkt. Musik war schon immer Teil meines Lebens. Und ich finde, wenn ich kapverdische Songs mit anderen Klängen und Einflüssen kombinieren will, habe ich jedes Recht dazu.« Die musikalische Autodidaktin komponiert auf der Gitarre, frei von den Zwängen, die die akademische Musiklehre mit ihren Formeln und »logischen« Harmoniefolgen mit sich bringen kann. Wie der Sänger und Gitarrist Tcheka bleibt auch Mayra Andrade auf der Suche nach ihrem persönlichen musikalischen Stil der kapverdischen Musik in all ihrer Vielfalt eng verbunden. Von beiden Künstlern und ein paar weiteren Mitstreitern spricht man auch als der »Pantera-Generation«, benannt nach dem Komponisten, der 2001 jung verstarb und mit seinen Songs die kapverdische Musikszene behutsam, aber doch nachhaltig beeinflusst hat. Auf »Navega« hat Andrade vier seiner Songs gecovert.

Die Arbeit an diesem Album begann im Herbst 2008 nach einer langen Reihe von Konzerten. Mayra Andrade weiß, was sie will, und dazu gehört absolute künstlerische Freiheit. »Singen ist mir praktisch heilig,« erklärt sie. Wohl deshalb hat sie sich als junge Künstlerin Zeit gelassen, ihr musikalisches Können zunächst auf der Bühne zu perfektionieren, wo sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit überzeugt. Hier begeisterte sie das Publikum, und auch die Fachleute bekamen schließlich Wind von dem phantastischen jungen Talent. Auch ihr zweites Album wird sie live präsentieren.

Mit »Navega« hat Mayra Andrade ein erstes künstlerisches Porträt von sich vorgelegt. In »Stória, stória…« entwickelt sie ihren Stil weiter. Das grundlegende Konzept des Albums entstand in Paris in Zusammenarbeit mit dem kapverdischen Instrumentalisten Kim Alvés, dem Bassisten Etienne M’Bappé aus Kamerun und dem brasilianischen Perkussionisten Ze Luis Nascimento, drei treuen Wegbegleitern Andrades, die sie so gut kennen, dass sie ihre Intentionen und Eingebungen vorausahnen, und die sich ebenso wie sie für die Musik der Kapverden in all ihrer stilistischen Vielfalt begeistern. »Sie sind mit sämtlichen Eigenarten dieser Musik bestens vertraut, und das macht es leichter, die Grenzen des Genres zu überwinden. Ich brauche die Kraft ihren Ideen.« Um das Projekt auszuweiten, lud Mayra Andrade anschließend Künstler verschiedenster musikalischer Herkunft ein. Sie alle steuerten neue Perspektiven und Farben zu ihrem Stil bei. In Paris konnte Andrade Djeli Moussa Diawara aus Guinea mit seiner kristallklaren Kora, Nicolas Genest mit seiner verträumten Trompete, den Angolaner Zezé N’Gambi mit seinen lebhaften Rhythmen und den hervorragenden brasilianischen Perkussionisten Marcos Suzano für das Projekt gewinnen, um nur einige ihrer vielen Stargäste zu nennen. Weitere stießen in Brasilien dazu: mehrere Schlagzeuger in Salvador de Bahia, der großartige Pianist André Mehmari in São Paulo und weitere Perkussionisten in der legendären Sambaschule »Compania dos tecnicos« an der Copacabana. In Kuba kamen der Pianist Roberto Fonseca und der Tres-Spieler Pancho Amat an Bord. »Die Auswahl der Musiker ergab sich ganz von selbst. Ich habe sie eingeladen, weil ich wusste, sie würden meine Musik bereichern.« Sie alle haben Mayra Andrade musikalisch meisterhaft unterstützt, wie auch Jacques Morelenbaum und Lincoln Olivetti, die bei den Arrangements und Aufnahmen der Streicher- und Bläsersätze große Sensibilität bewiesen. Das Ergebnis ist eine fein nuancierte Klangpalette, die Andrades Stimme perfekt zur Geltung bringt.

 

»Rhythmus und Perkussion sollten in diesem Album eine ganz wichtige Rolle spielen. Ein etwas direkterer, sehr natürlicher, aber trotzdem eleganter Sound. Unsere Hauptsorge galt der Technik: Sie sollte auf keinen Fall zu Lasten des emotionalen Ausdrucks gehen.« Der Produzent Alê Siqueira hat Mayra Andrade bei diesem Projekt von Anfang bis Ende begleitet. Er, der schon in seiner Zusammenarbeit mit brasilianischen Musikgrößen wie Marisa Monte, Caetano Veloso, Tom Zé und Arnaldo Antunes viel Aufsehen erregt hat, erwies sich als der perfekte Mann für den Job. »Ich wusste sofort, er ist der Richtige, und ich hatte Recht. Alê ist ein Meister seines Fachs. Er kann sich anpassen wie ein Chamäleon und ist ein zuverlässiger Partner. Er hat sich meine Ideen angehört, sie weiterentwickelt und tatkräftig verwirklicht und dabei immer das richtige Maß gefunden.« Nicht mehr und nicht weniger. Siqueiras Kommentar: »Mayras Stimme ist klassisch, zeitlos und universell.«

Wie soll man ihre Musik einordnen? Weltmusik? Stilmix? Rhythm meets Tropical? Sie lacht: »Eine musikalische Kreuzung, ein »unehelicher« Stil… Auf den Kapverden ist jeder ein Mischling. Wenn Sie sich die kapverdische Musik aufmerksam anhören, werden Sie deutliche Parallelen zur brasilianischen Musik finden.« Diese transatlantische Beziehung tritt in »Stória, stória…« voll zutage. »Trotzdem finde ich dieses Album nicht brasilianischer als das letzte«, fügt Andrade hinzu, die in ihrer Kindheit zunächst Caetano Veloso verschlang, um dann nur noch die Diven Elis Regina und Maria Bethânia zu hören. Nein, dieses Programm hat seine Wurzeln auf den Kapverden. Es beginnt mit der fantastischen Funana sambado »Juana« und endet mit »Lembransa«, einer Morna, die man auch für einen kubanischen Danzón halten könnte. Andrade betont den Facettenreichtum der kapverdischen Musik: Auf den knapp zehn bewohnten Inseln gibt es mehr als fünfzig Stile! »Die Volksmusik dort hat etwas ganz Besonderes an sich. Ich erkenne sie schon nach den ersten Noten. Sie berührt mich und beseelt mich.« Die Musik der Kapverden ist auf diesem Album durchgehend präsent, beispielsweise in Andrades Revival des Bandeira, eines Rhythmus, der für die Insel Fogo charakteristisch ist. Afrikanische Rhythmen gesellen sich dazu, und ein ausdrucksvoller Walzer straft den ersten Eindruck Lügen und trifft mitten ins Herz. Unter der Vielzahl von Einflüssen mögen die brasilianischen hervorstechen, doch auch Kuba spielt eine wichtige Rolle, wie die Mitwirkung von Sänger Kelvis Ochoa und Tres-Spieler Pancho Amat beweisen. »Ich bin sehr stolz darauf, dass auch Klänge aus meinem Geburtsland auf diesem Album vertreten sind.« Kubanische Musik bedeutet Andrade viel, »eine volle Ladung Emotion«, so ihre Worte. Das bittersüße Charakter verbindet sich perfekt mit der zarten Melancholie ihrer Stimme. In »Turbulensa« vom jungen kapverdischen Songwriter Nitu Lima vergleicht sie die Erfahrungen des Lebens mit den Gezeiten des Meeres. Zur Verdeutlichung der Metapher bringt sie den Marcha ins Spiel, einen Karnevalsrhythmus aus Santiago de Cuba und Brasilien.

Zwischen den Zeilen von »Stória, stória…« erzählt Mayra Andrade so manche Geschichte – über den ganz normalen Alltag, das Leben und die Liebe. »Manche Songs sind eher in sich gekehrt.« Nebeneinandergestellt ergeben sie eine bunte Bilderkulisse. »Juana« ist ein sozialpolitischer Kommentar aus den frühen 90er Jahren des kapverdischen Komponisten Kaka Barboza. Hier springt die Sängerin in einem Atemzug vom harten Lebensalltag der kapverdischen Frauen zum Fall der Berliner Mauer und zur Ungewissheit der menschlichen Zukunft an sich. In »Konsiensa«, einem eher introvertierten Stück auf einen Bataku-Rhythmus, zeigt sich die Sängerin, wie sie ist, und beschwört ihr Gewissen, sie zeitlebens vor Stillstand zu bewahren. Der Titelsong des Albums, begleitet von einem brasilianischen Kinderchor, preist die multikulturelle Gesellschaft und das friedliche Miteinander aller Menschen – ungeachtet ihrer Herkunft. »Seu«, eine Ode an die Musik in allen Dingen, besticht durch eine wunderschöne Melodie, die der Sängerin drei Jahre lang im Kopf herumging. »Eines Tages nahm ich dann meine Gitarre, und in drei Stunden war sie fertig.« Sie erinnert sich der weisen Worte ihres Mentors Paulinho Vieira, der ihr einmal sagte: »Wenn ein Song für dich bestimmt ist, dann kommt er zu dir und geht nicht wieder fort.« »Mon Carrousel« barg eine doppelte Herausforderung: den gemeinsam mit Fabien Pisani gedichteten französischen Text mit dem Rhythmus einer kapverdischen Mazurka zusammenzubringen, deren Musik in Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Akkordeonspieler Celina da Piedade entstand. Das Ergebnis ist ein eigenwilliger Reigen, »der die Dualität des Lebensweges widerspiegelt: ein Kreislauf, aber einer mit Höhen und Tiefen«. Treffender als mit diesem Vergleich lässt sich der Rest des Albums nicht beschreiben.

http://www.mayra-andrade.com