Nicholas Payton - Bitches

Nicholas Payton – Bitches           Veröffentlichung: 4. November 2011

(IN + OUT Records / EAN 798747711128 / in-akustik)

Man kennt und schätzt den Mann mit Hut und Trompete als einen der berühmtesten Jazzsöhne von New Orleans der jungen Generation. Dass sich Nicholas Payton auf seinem neuen Album dem R&B zuwendet, dürfte für die ein oder andere Verwirrung sorgen. Er kreiert für dieses Setting einen sehr urbanen Sound, der auf der einen Seite mit seinen synthetischen, programmierten Schichtungen und komplexen Breakbeats überwältigen mag, auf der anderen aber viel Raum für die organische Sphäre mit wunderbar inspirierten Trompetensoli und erstaunlich seelenvollen Vokalqualitäten aufscheinen lässt.

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Der Kornettist des Neobop auf Abwegen?

 

Keineswegs: Mit Gästen wie Cassandra Wilson und Esperanza Spalding ist das Konzeptalbum „Bitches“ nicht nur das bislang spartenübergreifendste, sondern auch das ambitionierteste Werk eines Musikers, der seiner Biographie und Philosophie treu bleibt und sich zudem als begnadeter Geschichtenerzähler erweist.

Der 38jährige Nicholas Payton hat im Laufe seiner noch kurzen Karriere bereits Vieles mit Erfolg ausgelotet: In eine musikalische Familie hineingeboren griff er schon als Vierjähriger zu seinem Instrument, tourte bereits mit zwölf als Mitglied einer All Star Band durch Europa. Parallel zur Schule bekam er Unterweisungen beim berühmten Ellis Marsalis, spielte seit den Neunzigern mit prominenten Kollegen wie Clark Terry, Elvin Jones, Wynton Marsalis, Joshua Redman, Roy Hargrove und Doc Cheatham, für das Teamwork mit letzterem erhielt er 1997 einen Grammy. Vorläufiger Höhepunkt: Payton wurde 2008 Teil des Septetts The Blue Note 7, das mit einer Tour und Platte den 70jährigen Geburtstag des Blue Note-Labels feierte.

Mit „Bitches“ stellt der Trompeter und Pianist aus der Crescent City nun ein weit ausgreifendes Konzeptwerk vor, das von seiner stilistischen Ausrichtung zunächst verblüffen muss. Doch er selbst klärt auf: „Bevor ich mich für den straight-ahead jazz begeisterte, hatte ich mich schon mit R&B und HipHop beschäftigt“, so der Fan von Earth, Wind & Fire, Michael Jackson, A Tribe Called Quest und Erykah Badu. „An all diesen Künstlern mag ich, dass sie alles mit einschließen, sie entziehen sich jeder Art von Genre und stehen jenseits von Kategorisierungen.” Payton bekräftigt, er habe mit „Bitches“ einen „modern R&B joint“ mit dem Geschmack der Siebziger und Achtziger, aber dem Sound von Heute kreieren wollen. Ein Album zum Nachdenken, das provoziert und über seinen Groove hinaus stimuliert.

Wagen wir einen Blick in die Genealogie von „Bitches“: Der schöpferische Prozess begann bereits während der Arbeiten zum Vorgänger „Into The Blue“, doch Payton fühlte sich damals noch nicht in der Lage, seine Stimme so prominent in den Fokus zu rücken. Die meisten der Stücke stammen jedoch aus einem hyperkreativen August 2009, der den Durchbruch für dieses gewaltige Opus mit seinen fünfzehn Stücken in zwei Akten bildete. Payton befasst sich auf einer sehr grundsätzlichen Ebene mit dem Thema Mann und Frau und rührt dabei gar an biblisch-mythologische Motive der Schöpfungsgeschichte mit den beiden menschlichen Urahnen und ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Die Protagonisten Adam und Eva ver- und entzaubern sich in Paytons Suite, driften voneinander weg und wieder einander zu, reflektieren über Liebe, Eros, Treue, Täuschung, Vertrauen und Verzeihung. Das ganz und gar Erstaunliche auf musikalischer Seite: Mit Ausnahme der fünf Vokalgäste (vier weibliche und ein männlicher) sowie des neuseeländischen Produzenten Mark de Clive-Lowe hat er an Gesang, Trompete, Keyboards, Bass, Synthesizern und Drummaschinen diese Scheibe in New Orleans, New York, Austin und L.A. im Alleingang eingespielt.


Payton kreiert für dieses Setting einen sehr urbanen Sound, der auf der einen Seite mit seinen synthetischen, programmierten Schichtungen und komplexen Breakbeats überwältigen mag, auf der anderen aber viel Raum für die organische Sphäre mit wunderbar inspirierten Trompetensoli und erstaunlich seelenvollen Vokalqualitäten aufscheinen lässt. Vom einleitenden „By My Side“ mit seinen majestätischen Keyboardbässen über die spielerische, unschuldige Vorstellung von Eve (in Gestalt von Esperanza Spalding) und die Melancholie der ersten Trennung in „Shades Of Hue“ geht die Reise zum schwülen „Indigo“ mit seiner Latin Mood und gehauchten Kornettlinien. Das Zwiegespräch mit dem „Schutzengel“ Saunders Sermons und das hiphoppige Uptempo-Interludium „iStole Your iPhone“ leiten schließlich zu einem grandiosen dreifachen Finale: Payton verschmilzt in einer Mellow-Ballade mit Cassandra Wilson, greift schließlich mit Gospel-Aroma nach den spirituellen Sternen, nur um dann aus der Distanz mit Chinah Blac eine humorige Schlussbetrachtung auf die Zweisamkeit anzustellen.

Payton vereint dabei die NuSoul-Landscapes eines D’Angelo mit der erotischen Tiefe von Marvin Gaye, der harmonischen Erfindungsgabe von Stevie Wonder und der Exzentrizität von Prince. “Bitches“ wird nicht nur für angeregte Tagesgespräche im schnelllebigen Musikbusiness sorgen, sondern dürfte lang anhaltende ästhetische und spirituelle Debatten von der Jazz- bis in die R&B-Szene anstoßen.

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