Rusconi It's A Sonic Life

RUSCONI - It’s A Sonic Life
Sony Classical # 88697630822                        Veröffentlichung: 2. April 2010

Pressetext als PDF

Musik Film Portrait von Michelle Brun

23.04.2010, 21:00 hRoter Salon, Volksbühne, Berlin
30.04.2010, 20:30 hBix , Stuttgart, DE

21.05.2010, 21:00 h

Jazzclub, Neunkirchen, DE
22.05.2010, 20:00 hBurg Vischering, Lüdinghausen, DE
26.05.2010, 20:30 hBauhaus Dessau, Dessau, DE
28.05.2010, 21:00 hElbJazz Festival, Hamburg, DE

05.06.2010, 20:00 h

Jazzfest Görlitz, Bad Muskau, DE

alle Tourdaten immer unter www.rusconi-music.com/shows_de.php

Annäherung an die Mutter aller Noiserock-Bands jetzt aus ungewohnter Perspektive

Nur wenige Rockbands genießen im zeitgenössischen Jazzlager so viel Akzeptanz und Respekt wie Sonic Youth. Anfang der Achtziger gingen sie in New York aus demselben Pool von Musikern hervor wie die Lounge Lizards, die auf den Jazz eine ähnliche Wirkung hatten wie Sonic Youth auf den Rock. Sie änderten unsere Hörgewohnheiten und Klangwahrnehmung wie kaum eine andere Band. Selbst wer noch nie etwas von den vier New Yorkern gehört hat, ist über den alternativen Mainstream von Nirvana, Pavement oder den Smashing Pumpkins von den Errungenschaften der Band infiltriert. Neben ihren bahnbrechenden Rockalben waren Sonic Youth jedoch auch immer für freie Improvisation und Jazz offen. Als Band oder separat haben die vier Musiker mit Jazzern wie dem New York Art Quartet, Derek Bailey, William Hooker oder Mats Gustafsson gespielt, um nur einige zu nennen. Seltsamer Weise sind Sonic Youth jedoch viel seltener von Jazz-Musikern adaptiert worden als beispielsweise ihre Zöglinge Nirvana. Womöglich sind sie in ihrer eigenen Soundwelt zu komplex, um sich ohne weiteres in den Jazz transponieren zu lassen. Doch was nicht ist, kann ja bzw. wird endlich noch werden.

Das Schweizer Trio RUSCONI nähert sich der Mutter aller Noiserock-Bands jetzt aus ungewohnter Perspektive. Es läge nahe, die beiden Gitarren von Sonic Youth in eine Breitseite aus Saxofonen zu übersetzen, um eine ähnliche energetische Grundlage zu schaffen. Doch davon sind Pianist Stefan Rusconi, Bassist Fabian Gisler und Drummer Claudio Strüby weit entfernt. Sie setzen sich mit Sonic Youth im klassischen Format des Piano-Trios auseinander. Was theoretisch undenkbar scheint, funktioniert schon mit dem Opener „Sunday“ so gut, das es wundern muss, warum das noch niemand zuvor versucht hat. „Die Musik von Sonic Youth hat sich über viele Jahre wie ein Gefühl in mir aufgebaut“, rekapituliert der Pianist. „Claudio und Fabian kennen zwar die Band, sind aber nicht wirklich mit den Stücken vertraut. Ich suchte mir ungefähr 30 Songs aus, zu denen ich einen starken emotionalen Bezug hatte, brannte eine CD, die ich den beiden geben konnte, schrieb aber gleichzeitig skizzenartig Harmonien, Grooves, Basslinien oder dergleichen auf. Die brachte ich dann mit in die Proben. Daraus entstand etwas sehr Natürliches. Wären nur Leute wie ich im Trio gewesen, die Sonic Youth seit 15 Jahren intensiv hören, wäre unser Umgang mit dem Material längst nicht so kreativ gewesen. Im Probenprozess konzentrierten wir uns aber ganz auf uns selbst und hatten bald das Gefühl, Stücke zu spielen, die ich eigens für die Band geschrieben hätte.“

Das klingt einfach, aber ganz so leicht waren die Übersetzungsprozesse dann doch nicht. Obschon dem Album ein einheitliches Konzept zugrunde liegt, ist es RUSCONI gelungen, zu jedem Song einen individuellen Zugang zu finden. Manche Stücke funktionieren wie Coverversionen, andere wirken wie Paraphrasen auf bestimmte Aspekte einzelner Songs. Dabei spielte es eine nicht ganz unerhebliche Rolle, dass RUSCONI bei aller Seelenverwandtschaft, die sich zum Beispiel in der offensiven Klangfarbensuche ausdrückt, doch einen völlig anderen Background haben als Sonic Youth. „Bei vielen Stücken waren die Originale einfach zu langsam“, konstatiert Stefan Rusconi. „Wir haben nicht diesen verstärkten Druck, den eine Rockband auf die Platte bringen kann, und wir haben nicht die Stimme, die eine Geschichte erzählt. Wir mussten Wege finden, die Langeweile zu umgehen, die entstehen kann, wenn drei Instrumentalisten diese Songs interpretieren. Das kann über Tempoveränderungen erfolgen, aber wie in dem Song ‚Karen Revisited’, der sich ganz langsam in eine Stimmung hineinschleicht, auch über Improvisation. Bei ‚Sunday’ oder ‚Destroyed Room’ bot sich einfach an, druckvolle Rocksongs daraus zu machen.“

Einige Songs wie „Theresa’s Soundworld“ hatte die Band schon seit Jahren im Repertoire, andere Nummern wie „Destroyed Room“ entstanden im Studio innerhalb einer halben Stunde. Insofern ist das Album auch für RUSCONI ein Scharnier zwischen Kontinuität und Aufbruch. „Da wir als Band schon eine Basis hatten, konnten wir sehr schnell adaptiv mit neuem Material arbeiten. Das Jazzige ist ja eine Geschichte von uns. Wenn in einem Song von Sonic Youth Improvisation oder freie Gedanken vorkommen, macht das für uns total Sinn. Vor allem musste es sich für uns gut anfühlen.“

Nun ist Improvisation anders als in den alten Tagen längst kein exklusives Attribut des Jazz mehr. Spätestens seit Jimi Hendrix und Jerry Garcia haben die Maximen von John Coltrane und Ornette Coleman auch im Rock Einzug gehalten. Sonic Youth sind das beste Beispiel dafür, wie diese Entwicklung weitergeht. Ein Song wie „Hits Of Sunshine“ von dem SY-Album „A Thousand Leaves“, den RUSCONI sich auf „It’s A Sonic Life“ ebenfalls vorgenommen haben, klingt wie die Übersetzung von „A Love Supreme“ in einen neuen Klangkontext. Doch gerade diese Erkenntnis eröffnet RUSCONI ganz unterschiedliche Wege in die Welt von Sonic Youth. „Bei gewissen Songs war das, was wir von Sonic Youth übernehmen konnten, schon sehr konkret“, bestätigt der Pianist. „Bei anderen war es eher einzelne Elemente. Bei den Tracks, in denen wir einfach die Stimmung, die Farben oder den Groove übernommen haben, sind am Ende ganz andere Stücke entstanden, deren Basis für uns aber ganz klar nachvollziehbar ist.“

Doch auf „It’s A Sonic Life“ offenbaren sich dem Jazzhörer auch noch andere Parallelen. Zum Beispiel zu McCoy Tyner, der in den Sixties an der Seite John Coltranes das Jazz-Piano revolutionierte. RUSCONI verinnerlichen die Message von Sonic Youth auf ähnliche Weise wie Tyner jene von Coltrane. Man denke nur an die Trio-Platten, die Tyner in den sechziger Jahren aufnahm, oder an das grandiose Album „The Real McCoy“, das auch für den Schweizer Pianisten ein Meilenstein ist. Jener permanente Energiefluss, der selbst in den poetischen Passagen unglaubliche Power freisetzt und im jeweils nächsten Moment das ganze Gebäude zu sprengen scheint, ist auch für RUSCONI charakteristisch. Die langsamen Ostinati und das energetische Spiel über linearen Themen, das für Tyner charakteristisch war, findet sich ebenfalls bei Sonic Youth. RUSCONI hatten Tyner zwar nicht bewusst auf dem Schirm, als sie das Album einspielten, aber der Pianist bekennt: „Von der Energie her ist Tyner ein Pianist, der mir sehr nahe ist. Viel näher als zum Beispiel Bill Evans. Auch Bud Powell hat diese existenzialistische Energie.“ Hinzu kommt, dass auch McCoy Tyner in seiner großen Zeit weit über den Jazz hinausgegangen ist und auf improvisierter Grundlage eine modale Popwelt geschaffen hat. Gerade diesen Aspekt findet Rusconi spannend, denn „wenn ich Sonic Youth spiele, kommt es nicht darauf an, ob es Pop, Rock, Jazz oder Klassik ist. Es kommt einzig auf die Energie und die Emotionen an, die man übertragen kann. Wir treten immer seltener in Jazzclubs auf. Manchmal sind die Leute noch skeptisch, wenn eine Jazzgruppe in einem Rock-Club auftritt, aber wenn sie dann merken, dass da Musik gelebt wird, springt der Funke über.“

Einen unmittelbaren Kontakt zu den Musikern von Sonic Youth hatten RUSCONI während der Arbeit an dem Album nicht. Das ist wohl auch besser so, denn es half, die Distanz zu wahren. Und bei aller Liebe ließ sich auch nicht jedes gewünschte Stück der New Yorker ins Idiom des Trios übertragen. „Lustiger Weise traf das auf fast alle Stücke zu, in denen Kim Gordon singt“, so Rusconi amüsiert. „Ich weiß selbst nicht genau, wieso. Dabei finde ich ihre Stücke unglaublich stark. Es hat einfach nicht klick gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Nummern viel punkiger und stärker auf den Text konzentriert sind. In ihren Stücken spürt man viel mehr Dringlichkeit und Politik als in Thurston Moores Songs, die viel entspannter sind.“

Abgerundet wird das Album durch drei Stücke, die aus RUSCONIs eigener Feder stammen. Doch auch diese haben ihren Ausgangspunkt in Themen, Phrasen, Motiven oder Ideen von Sonic Youth, die sich jedoch so weit von ihrem Ursprung entfernt haben, dass man sie nicht mehr genuin auf Thurston Moore und Co. zurückführen kann. So ist „It’s A Sonic Life“ eine komplexe Liebeserklärung aus der Position einer souveränen künstlerischen Eigenleistung geworden. Dem jungen Schweizer Trio ist auf seinem vierten Album nicht weniger gelungen als die faszinierende Neubewertung einer der ungewöhnlichsten Klangschöpfungen des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Besonders sei noch auf das Cover-Artwork hingewiesen, das von der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist stammt. Rist dazu: "Die Musik von Sonic Youth ist mir sehr vertraut und ihre Covers wurden jeweils von Künstlern bestückt. Als mir RUSCONI von ihrem Sonic Youth-Projekt erzählten, sagte ich spontan zu, ihrem neuen Album das visuelle Gesicht zu geben: Jetzt bin ich Mike Kelley vom Triemli."

Die Allrounderin unterhält Kontakte zu Sonic Youth, speziell zu Kim Gordon, und ist auch selbst als Musikerin in der Avantgarde- Band Les Reines Prochaines zugange. Sonic Youth haben auf ihren Plattencovern ja oft mit bekannten bildenden Künstlern gearbeitet. Erinnert sei nur an Gerhard Richter auf „Daydream Nation“ oder Raymond Pettybon auf „Goo“. Rists Motiv fängt den Geist der Band-Optik und die Intentionen verschiedener SY-Cover ein. Entstanden ist so ein Artwork, das sofort die New Yorker Band assoziiert.