Timo Vollbrecht Fly Magic - Faces In Places

Timo Vollbrecht Fly Magic – Faces In Places  

 Berthold Records / 4250647318013 / Vertrieb: JA KLA / Helikon Harmonia Mundi

 

Veröffentlichung: 16. März 2018

Radiotaugliche Interviewfiles (Antworten) mit Fragenkatalog im mp3 Format zum akt. Album   > ZIP

Live:

08.3.2018 Sendesaal - Bremen

09.3.2018 LWL Museum - Münster

10.3.2018 Jazzfreunde - Osterode am Harz

11.3.2018 Alte Polizei - Stadthagen

12.3.2018 Hafenbahnhof - Hamburg

13.3.2018 Jazzdiskurs - Rostock

14.4.2018 Off-Day in Berlin

15.3.2018 Goethe-Institut Paris

16.3.2018 Jazz Institut - Darmstadt

17.3.2018 Mauerwerk - Herrenberg-Stuttgart + Workshop

 

18.3.2018 Intro In Situ - Maastricht

 

Neun Begegnungen – neun Songs

Auch ohne die Geschichten hinter den einzelnen Stücken zu kennen, ist Timo Vollbrechts neues Album Faces in Places ein Hinhörer. Kombiniert mit den Hintergrundgeschichten wird aus dieser großartigen Musik ein beeindruckendes Erlebnis. Fly Magic heißt die Band, in der Vollbrecht (Saxofon) auf Keisuke Matsuno (Gitarre), Elias Stemeseder (Klavier und Keyboards), Martin Nevin (Bass) und Jason Burger (Schlagzeug) trifft. Zusammen haben sie ein Album eingespielt, dessen Stücke ebenso aufregend wie raffiniert und authentisch sind.

„Jedes Stück ist einem Menschen gewidmet, dem ich begegnet bin – oder es ist von ihm inspiriert“, erklärt Vollbrecht das Konzept des Albums und ergänzt: „In den vergangenen Jahren sind wir auf unseren Tourneen viel herumgekommen. Nahezu überall auf der Welt sind wir faszinierenden Menschen begegnet, die uns auf ganz unterschiedliche Weise beeindruckt haben. Als wir wieder zuhause waren, kam mir die Idee, Songs über sie zu schreiben. Das erste Stück war Muhammad.“

Die Geschichte dazu beginnt im syrischen Aleppo im Jahr 2010. Am Morgen nach einem Konzert bricht Vollbrecht zu einem Spaziergang auf und beobachtet die vielen Händler, die gerade ihren Läden öffnen. Als er irgendwann die Orientierung verliert, spricht er einen freundlich dreiblickenden Mann an. Es ist Muhammad, der seine Arbeit sofort unterbricht. „Er hat mir eine Stunde seiner Zeit geschenkt. Nicht nur, um mir den richtigen Weg zurück, sondern auch, um mir die Innenstadt zu zeigen“, erinnert sich Vollbrecht und erklärt: „Für ihn habe ich dieses Stück geschrieben und versucht, den Stolz und die Würde, die Muhammad ausgestrahlt hat, in die Melodie einzuarbeiten. Leider haben wir keine Telefonnummern oder Mailadressen ausgetauscht. Seit den fürchterlichen Bombardements habe ich mich oft gefragt, was aus ihm wohl geworden ist.“

Espacio hat Vollbrecht Dorivan gewidmet, einem Flötisten aus Kambodscha, mit dem die Band während eines Projekts in Phnom Penh zusammengearbeitet hat. Ein wahrer Meister auf der Khloy – einer alten, traditionellen Bambusflöte. Das Stück ist von den langsamen, anmutigen Bewegungen der Khmer-Tänzerinnen inspiriert. „Gleichzeitig bezieht es sich aber auch auf die ewige Leere, die wir nach dem Besuch des Genozid-Museums in der kambodschanischen Hauptstadt gespürt haben“, so Vollbrecht.

Mit Tiffany ist eine „liebe Freundin aus Singapur gemeint, die unser Konzert im Sing Jazz Club besucht und uns anschließend noch mit auf einen Abstecher in die wuselige, farbenfrohe und eindrucksvolle City genommen hat.“

Schaumburg wiederum ist eine Ode an Vollbrechts Heimat, den gleichnamigen Landkreis in Niedersachsen nahe Hannover. Da er inzwischen in New York City lebt, „drückt das Stück zum Einen die Freude und Erleichterung aus, wenn ich nach Hause komme, zum Anderen aber auch das Gefühl der Sehnsucht, wenn ich nicht dort bin“, erklärt der Saxofonist.

Während ihrer Tour durch Südamerika verbrachte die Band auch einige Tage in Chile. „Dort haben wir bei Francisco gewohnt – einem warmherzigen, geradezu überschwänglichen Gentleman, der Musik liebt. Auf dem Dach seines Hauses in der Hafenstadt Valparaíso haben wir die ganze Nacht Musik gemacht – was die Nachbarn nicht sonderlich goutierten“, schmunzelt Vollbrecht.

In Malaysia trafen die Musiker auf Mala – eine junge, stolze Muslima aus Kuala Lumpur. Die Begegnung mit ihr fiel genau in die Zeit, als Mala sich dazu entschieden hatte, ihr Kopftuch abzulegen – selbst auf die Gefahr hin, dafür gesellschaftlich kritisiert zu werden. „Das Stück Mala’s World ist allen Frauen gewidmet, die den Mut haben, ihr Leben in männerdominierten Gesellschaften in die eigene Hand zu nehmen und sich für Religions- und Meinungsfreiheit einzusetzen.“

All diese Stücke bezeichnet Vollbrecht nicht als „politisch“ im klassischen Sinne. Der Saxofonist sieht in seiner Musik eher ein mächtiges Werkzeug. „Da die Band häufig tourt, diskutieren wir natürlich darüber, was gerade passiert. Über das Erstarken der Populisten zum Beispiel mit den Parolen von US-Präsident Trump, über die AfD in Deutschland oder das, was sich in Österreich gerade abspielt. Diese Entwicklungen bereiten uns Sorge. Und da ist Musik ein wichtiges, großartiges Mittel, um die Hörer mit anderen Perspektiven und Sichtweisen vertraut zu machen“, unterstreicht Vollbrecht.

Die Musiker des Quintetts umgibt ein enges Band – auf und abseits der Bühne. Sie alle sind Teil einer Jazzgemeinde, deren Mitglieder sich gegenseitig helfen und inspirieren. Mit Keisuke Matsuno arbeitet Vollbrecht schon viele Jahre zusammen. Der Gitarrist ist ein Klangzauberer, der es versteht, seinem Instrument wirbelnde, ätherische Klänge zu entlocken. Elias Stemeseder ist ein erfahrener, äußerst kreativer Pianist und Keyboarder, der es mit seinen Improvisationen immer wieder schafft, sein Publikum zu überraschen. Martin Nevin zählt zu den gefragtesten Bassisten im Big Apple, der mit seinem warmen, gefühlvollen Sound den Rhythmus der Band prägt – zusammen mit Jason Burger, dessen Schlagzeugspiel gleichermaßen wandlungsfähig wie innovativ ist. 

Timo Vollbrecht und sein Ensemble zählen zu den aufgehenden Sternen am Jazzhimmel. „Eigentlich gibt es keine Schublade für unsere Art von Musik. Aber ich wenn ich danach gefragt werde, würde ich sie am ehesten als eine Mischung aus Jazz, Avantgarde, Post- und Indie-Rock, sowie Folk und zeitgenössischer klassischer Musik bezeichnen. Daraus entstehen Klanglandschaften wie aus einer anderen Welt.“

Oder – wie es der US-Vibraphonist Stefon Harris beschreibt: „Weil bei ihm so viele unterschiedliche Einflüsse zusammenkommen, sprengt Timo Vollbrecht die üblichen Grenzen der Musik-Genres.“ Die Presse lobt den jungen deutschen Saxofonisten in den höchsten Tönen. Der Hot House Jazz Guide bescheinigt ihm „bemerkenswertes Talent“, während der Norddeutsche Rundfunk in ihm eine „echte Entdeckung“ sieht.

Mit seinem Album Faces in Places erfüllt er die ihn gesetzten, hohen Erwartungen mühelos.