Nautilus - Infrablue Tour 2017

Hayden Chisholm / Jürgen Friedrich / Robert  Lucaciu / Philipp Scholz
sind 
NAUTILUS       CD: Infrablue / Two Rivers Records / 2016 

Altsaxofon Klavier Kontrabass Schlagzeug


NAUTILUS, die herausragende neuseeländisch-deutsche Band, zelebriert eine einzigartige no-ego Spielweise. Echte Kompositionen und spontane Improvisation sind darin die Pole für eine grenzüberschreitende Musik, abgefahren und voller Schönheit. Ein eigenes Universum aus Geräusch und Linien, Aktion und Leere, Detail und Architektur.

Live 2017

05.04. Köln, Altes Pfandhaus
06.04. Basel, Bird`s Eye
09.04. Reut, Zoglau3
10.04. Wien, Brick 5
12.04. München, Unterfahrt
03.05. Kempten, Jazzfrühling

Jazz kann so vieles sein. Und damit ist der Plattitüden auch schon genug. Am besten ist Jazz nämlich immer dann, wenn sich gar nicht die Frage stellt, ob es tatsächlich Jazz ist. Das kann umso beeindruckender sein, wenn eine Band alle Zutaten eines landläufigen Jazzquartetts mitbringt und doch ganz anders funktioniert, wie im Fall des Quartetts Nautilus auf ihrem Album „Infrablue“. Nautilus, das sind Saxofonist Hayden Chisholm, Pianist Jürgen Friedrich, Bassist Robert Lucaciu und Drummer Philipp Scholz. Alle vier haben sich in unterschiedlichsten Jazz- Kontexten einen Namen gemacht und finden in Nautilus zu einer ganz neuen kollektiven Befindlichkeit. Die Musik, die aus der gemeinsamen Klangsuche entsteht, ist ungeheuer weich und organisch. Sie lässt die Assoziation von Gemachtem hinter sich und wirkt in ihrem Zustand so selbstverständlich, als wäre sie einfach ein Teil der Natur. Die Behutsamkeit, mit der sich die Band nicht nur ihrer Musik, sondern auch intern sich selbst annähert, ist im zeitgenössischen Jazz nahezu ohne Beispiel.

Um dieses Level zu erreichen, war es für die vier Musiker nicht erforderlich, eine Verabredung zu treffen. Bassist Robert Lucaciu führt es auf die individuelle und kollektive Wesensart aller Beteiligten zurück. Nichts, worüber man nachdenken müsste. „Ich glaube, wir sind einfach so. Assoziationen kann man nicht planen. Aber man kann die Voraussetzungen dafür schaffen, dass man sich komplett in einer Stimmung verliert. Und das tun wir.“

Die vier Musiker von Nautilus bringen den Werkzeugkasten des Jazz mit, widerstehen aber komplett der Versuchung zu zeigen, was sie damit alles anfangen können. Alles Handwerkliche bleibt außen vor. Es reicht ihnen, diesen Werkzeugkasten einfach neben sich abzustellen und gelassen abzuwarten, was passiert. Aus dieser Gelassenheit wird Klang, und dieser Klang setzt im Ohr des Hörers wiederum ein Gefühl von sanfter Ausgelassenheit frei. Es geht in keinem Augenblick um die Ambitionen der Beteiligten, sondern um eine ungewöhnliche Demut vor der Macht des Sounds. Diesen Prozess, mit den Ohren zu fühlen, beschreibt Lucaciu mit den Worten: „Für mich fühlt es sich an, als würden wir einen dunklen Raum ganz langsam ertasten, ohne dem Bedürfnis nachzugeben, das Licht einschalten zu wollen. Es geht um das intuitive Erspüren des R aumes und sich dann darin zu bewegen.“

Der Titel „Infrablue“ setzt natürlich eine ganze Reihe von Assoziationen frei. Blau, die Farbe des Jazz, der Blues, die Blue Notes, Kind Of Blue. Eine Farbe, die man nachts eher fühlen als sehen kann. Und wie das Infrarot im Spektrum der Farben vor dem menschlichen Auge verschwindet und sich in Wärme verwandelt, so löst sich das Infrablau im Ohr des Hörers komplett in einen wärmenden Klangzustand auf. Die Wortschöpfung stammt von Jürgen Friedrich. Sie passte perfekt auf das Verhältnis der Band zu ihrer Musik, aber, so Lucaciu, „das war kein Motto, dessen Bedeutung uns von vornherein klar war. Eher ein Gefäß, das wir mit Inhalten füllten.“

Und so fühlt es sich beim Hören dieser Musik an, als würde sich eine Farbe in einen Zustand verwandeln. Dieser Zustand wird hörbar gemacht. Es ist vielleicht ein wenig vergleichbar mit dem Licht eines Projektors zwischen Bildquelle und Leinwand. Der Strahl enthält alle Informationen des Bildes, ohne dieses selbst darzustellen. Dafür sieht man Elementarteilchen darin tanzen, die nichts mit dem Bild an sich zu tun haben. Und doch stören diese die Projektion die am Ende ankommt, nicht im Mindesten. So symbiotisch, wie die vier Bandmitglieder den Gesamtsound organisieren, gerät beinahe in Vergessenheit, dass es sich dabei um unterschiedliche Individuen mit entsprechenden Backgrounds handelt. Die jazzimmanente Verhandlung um Spielanteile und der oft mühsam ausgehandelte Solo-Proporz ist hier einfach nicht vorhanden. Es geht zu jedem Zeitpunkt um den gemeinsamen Anteil am Ganzen. Dennoch haben die vier Unterschiedliches im Gepäck, das sie der Musik mitgeben. Lucaciu verweist vor allem auf die Spielerfahrung. Jürgen Friedrich und Hayden Chisholm sind eine Ecke älter als Philipp Scholz und Robert Lucaciu. Die unterschiedlichen kompositorischen Ansätze werden jedoch im Kollektiv improvisiert aufgelöst. „Die Unterschiede spielen aber keine Rolle“, so Lucaciu. „Dieses langsame Erkunden und mikroskopische Forschen im Kollektiv sind viel wichtiger als alles Trennende.“

Dieses langsame Erkunden, wie Lucaciu es beschreibt, läuft nicht auf eine einfache Überlappung der Prinzipien Komposition und Improvisation hinaus, sondern auf ein ganz behutsames – da haben wir das Wort wieder – Hineinfinden in die Bedürfnisse des jeweiligen Songs, die wiederum in eine sehr wache und bewusste Darstellung dessen gipfelt, was man dort findet. Die Strukturen ergeben sich aus ganz kleinen Elementen, deren Osmose sich jedes Mal ganz anders vollzieht. Wände oder Grenzen, die es zu überwinden gälte, gibt es nicht. Nur durchlässige Membranen, die jedes Ineinanderfließen und Sein möglich machen.

Auf „Infrablue“ entfaltet sich eine sehr poetische Weltsicht, die auch davon nicht getrübt wird, dass einer der Songs den Titel „Armageddon“ trägt. Wenn der Weltuntergang so ist wie hier, dann dürfen wir getrost Zuflucht in der Nautilus suchen und uns darauf freuen.