Timo Vollbrecht – BREMEN NEW YORK

Mit voller Kraft in die Zukunft des Jazz. Vollbrechts lyrischer Ton, getragen vom virtuosen Ensemble, macht jede Note zum Ereignis.

Eingespielt live im legendären Bremer Sendesaal, entfaltet das Album eine poetische Klangreise zwischen New Yorker Energie und norddeutscher Klangmagie.

 

Dem Saxofonisten Timo Vollbrecht ist es gelungen, sich unter dem denkbar passendsten Titel seine internationale Dream-Band zusammenzustellen. Mit Ralph Alessi an der Trompete, dem New Yorker „Mammut“ – wie Vollbrecht es ausdrückt – am Bass: Chris Tordini, einem weiteren ECM-Künstler, dem Norweger Thomas Strønen, sowie Elias Stemeseder am Piano. Um dieses kleine Wunder zu bewerkstelligen, dabei halfen dem Bandleader neben seinem großen musikalischen Talent seine langjährigen Beziehungen sowohl nach Bremen wie auch zu seiner Wahlheimat New York.

Timo Vollbrecht ist ein Phänomen, ein Typ, der alles macht, was sich ihm bietet, der nichts liegen lässt. Vor einigen Jahren ging er nach Amerika, um dort zu studieren, zu arbeiten und schrieb 2020 gleich seine PhD-Doktorarbeit, zu einem Thema, das einem normalerweise nicht so einfach vor die Füße fällt – doch das ist eine andere Geschichte.

Was ficht diesen Selfmade-Mann nun an, ein Live-Album im klassischen Jazzquintett-Format herauszubringen? Also etwas, das „mittlerweile fast so ein bisschen unorthodox ist. Aber Jazz lebt vom Live-Moment. Und es ist eben diese Synergie mit dem Publikum, die eine Band auf komplett neue Höhen bringen kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, meine Lieblingsplatten sind Live-Platten.“

Und so klingt Bremen New York dann auch: ganz und gar live und es ist doch von einer eigenartigen Perfektion. Vollbrecht hat die Stücke kurz vor dem Gig extra für die Gelegenheit, sogar „extra für den Raum“ geschrieben, in dem aufgenommen wurde, den Bremer Sendesaal. „Der ist einer der besten Säle vom Sound her. Und es steht dort auch noch ein unfassbares Klavier.“ Und dieses bedient einfühlsam Timos alter Kumpel Elias Stemeseder, dessen sparsames, nicht minder kongeniales Spiel dem Ganzen zusätzlichen Glanz und den letzten Schliff verleiht. Der 8-minütige Opener „Com Tempo“ beginnt zunächst zwar ohne ihn – hier könnte man zunächst denken, man befände sich auf einer Zeitreise in die zweite Hälfte der 1960er – nämlich nur mit Ralph Alessis improvisierender Trompete, begleitet von Strønens und Tordinis filigraner Rhythmusarbeit, woraufhin sich recht bald das Quintett mit dem sparsamen Thema meldet. Und hier bahnt sich schon die ganze Lyrik an, die sich von nun an durch das ganze Album ziehen soll. Alle fünf Musiker machen sich in diesem ersten Stück auf einen Pilgerweg, der im weiteren Verlauf noch die eine oder andere Überraschung bereithält.

So wollte Timo Vollbrecht, dass es klingt: live und aus dem Moment heraus inspiriert wie bei seinen Heroes, etwa McCoy Tyner & Joe Hendersons Forces Of Nature: Live At Slugs 1966. Aber dies ist nicht etwa die melodramatische Anwandlung eines Jazzmusikers, der sich einen nostalgischen Traum erfüllt. Wer Timo Vollbrecht kennt, der weiß, dass dieser normalerweise auch auf ganz anderen Wegen unterwegs ist. Noch das Album Givers & Takers seiner Besetzung Fly Magic (ebenfalls aus dem Hause Berthold) entstand auf einer ganz anderen Baustelle, von der aus sich elektro-akustischer Jazz, lockere Grooves und radikal Freies gemeinsam auf einen nach vorne gerichteten Trip begaben.

Der Vollblutmusiker, Doktor der Philosophie, Hochschulprofessor und Musikforscher Timo Vollbrecht (er beschäftigt sich gerade wissenschaftlich mit dem Phänomen Manfred Eicher), weiß was er will, aber er ist offenbar auch in der Lage, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ohne dieses Vermögen können keine solch grandios lyrischen Bögen entstehen, dazu müssen sich die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen, in entspannter Atmosphäre, inspiriert von einem Raum und dessen magischen Eigenschaften. Und es braucht mehr. Gutes Material z.B., das dazu geeignet ist, fünf Individualisten dazu zu bringen, ohne viel Proben und dann noch an einem einzigen Aufnahmeabend alles zu geben und über sich und das Material hinauszuwachsen. Die Stücke tragen Titel wie „Brighton Blues”, „Spicy Moon” und „New York Love Affair”.  Der Raum spielt mit, die richtigen Leute treffen zur richtigen Zeit aufeinander, und zwischen denen stimmt nicht nur die Chemie. Unter dem Strich passiert auf synergetische Weise das Magische, es berühren sich Welten: ECM-Ästhetik und klassische Postbop-Quintett-Atmosphäre. Dazu tun Recording-Producer Arne Schumacher sowie Aufnahme-Ingenieur Frank Jacobsen ihr Übriges, während Sendesaal, Radio Bremen und Platten-Label Berthold zur Stelle sind, um alles zu realisieren. Vor aber allem ist da einer, ohne den all dies nicht möglich wäre, und der die richtige Musik im richtigen Moment entwirft: Timo Vollbrecht.

Berthold Records  BR324175   4250647324175

Vertrieb: Cargo

 VÖ: 05.09.2025

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