Ganna – Utopia
Meerjungfrauen-Geister, selbstbewusste ukrainische Großmütter und traditionelle peruanische Rhythmen – all das verschmilzt in diesem eklektischen neuen Album der gefeierten Sängerin und Komponistin. Eine Sammlung von Liedern, die auf traditionellen ukrainischen Melodien basieren, ergänzt um Kompositionen mit einem eher Indie-Pop-orientierten Sound.
Gryniva emigrierte 2002 mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland und lebt heute in Berlin. Inzwischen gilt sie als „eine der beeindruckendsten Sängerinnen und Musikerinnen der europäischen Jazz- und Weltmusikszene“ (Ö1 Radio, Österreich).
Ihr Album HOME (November 2022) wurde von der Fachpresse gefeiert – „Album des Jahres“ (Deutschlandfunk Kultur) und „Jazz-Highlight des Jahres“ (Bayerischer Rundfunk). Das darauffolgende Werk KUPALA wurde von der ukrainischen Radiostation Slukh.Media in die Liste der „Best Ukrainian Albums 2023“ aufgenommen und von LIVEUROPE als „New European Sound 2024“ ausgezeichnet.
Den Titel UTOPIA wählte Gryniva, weil – wie sie sagt – „…Hoffnung manchmal das Einzige ist, was uns antreibt. Die ukrainischen Volkslieder gehören zu meiner Utopie. Ein Raum für mein Land und um meine Kultur sichtbar zu machen.“
Die Gastmusiker:innen auf dem Album helfen ihr dabei diesen Ort zu gestalten: Laura Robles – Percussion, Ambrose Akinmusire – Trompete, Maksym Berezhnyuk – traditionelle Flöten, Marian Friedl – Zymbal, Julian Sartorius und Andi Haberl – Schlagzeug/Percussion, Bertram Burkert – Gitarre.
Gemeinsam mit Freund:innen und Expert:innen hat sie in Bibliotheken und Archiven zur ukrainischen Volksmusik recherchiert, Originalaufnahmen in der Ukraine gemacht und mit Menschen gesprochen, die diese Lieder noch aus eigener Erinnerung singen. Stücke wie Malanka sind ihre ganz eigenen Bearbeitungen der Originalmusik. Dieses Ritual-Lied – produziert in Zusammenarbeit mit der Komponistin und Forscherin Laura Robles – handelt von einem wilden Karneval, bei dem sich die Menschen verkleiden, und wird traditionell beim gleichnamigen Fest aufgeführt. Robles, die in Peru gelebt hat, brachte die Idee ein, die quijada zu verwenden – ein Schlaginstrument aus einem Eselskiefer, das beim Anschlagen der Zähne ein rasselndes Geräusch erzeugt. Gryniva war begeistert und verlieh so ihrer energischen, kantigen Interpretation eine weitere überraschende Wendung.
Der Opener Mermaids (bereits veröffentlicht und vom ukrainischen Musikmagazin MIXMAG zu den „Best UA Tracks 2024“ gewählt) basiert auf einem Ritual-Lied aus der Region Kyjiw. „Die Menschen glaubten, dass Geister aus Teichen und Wäldern auftauchen, wenn man für sie eine Rave-ähnliche Feier veranstaltet – und sie einen dann für den Rest des Jahres in Ruhe lassen. Es ist sehr mystisch und magisch“, erzählt Gryniva.
Die Komponistin befasste sich auch mit der Psychologie von Wiegenliedern und ihrer Wirkung auf kleine Kinder. Die Metaphern können oft wörtlich übersetzt werden, tragen aber meist eine tiefere Bedeutung in sich. In Baba singt die Großmutter zum Großvater: „Alter Mann, schlaf lieber, sonst lass ich dich unter der Bank dort liegen und folge der Melodie des Flötenspielers.“ Die sanfte Melodie verbirgt die selbstbestimmte Haltung der Großmutter. Für Gryniva ein Spiegel der ukrainischen Gesellschaft: „Ukrainische Frauen sind unglaublich stark. Meine Großmutter war definitiv das Familienoberhaupt.“
Die Aufnahme enthält Field Recordings, die Gryniva 2018 in den Karpaten gemacht hat: eine Frau, die mit ihrer Kuh vorbeigeht, Nachbarn, die aus der Ferne etwas zurufen, Schafe, die auf den Hügeln grasen. Diese Geräusche fügen sich organisch in die Musik ein. An einer Stelle hört man sogar eine Stimme auf Ukrainisch sagen: „Warum nimmst du eine alte Frau auf und nicht ein junges Mädchen?“ Das matriarchale Thema setzt sich im melodischen und meditativen Stück Mother fort, das die Liebe und Dankbarkeit eines Mädchens gegenüber der starken, alleinerziehenden Mutter ausdrückt, die sie großgezogen hat.
Manche Stücke des Albums sind Eigenkompositionen. Die Idee zu Zemlya („Erde“) entstand 2023 bei einer Reise in die Ukraine. „Es war mein erster Besuch seit Beginn der russischen Invasion in 2022“, erzählt Gryniva. „Ich konnte nicht genug bekommen von der Sprache, dem Essen, den Menschen, den Gesprächen, den alten Gebäuden und den Kirchen.“ Das Lied ist eine Vertonung eines Gedichts des Lyrikers Grigory Semenchuk, in dem er vom Krieg schreibt.
„Vielleicht überrascht es, auf dem Album plötzlich ein deutsches Lied zu hören – Der Mann im Mond“, sagt Gryniva. „Aber auch das ist ein Teil von mir. Ich lebe schon lange in Deutschland. Es gibt eine ganze Generation wie mich: Menschen, die Teil einer neuen Gesellschaft wurden, aber immer noch zur alten gehören. Das ist ein wichtiger Teil meiner Identität.“
Gryniva hat dafür das gleichnamige Gedicht von Mascha Kaléko adaptiert, „die von Träumen erzählt, die in allen Formen und Farben kommen. Die Mondfrau des Mannes webt diese Träume aus Licht und versteckt sie abends in den Bäumen. Für jede und jeden gibt es einen eigenen Traum.“
Gryniva beschreibt ihre Musik als „improvisierten Electro-Folk mit Soloparts“. „Ich liebe es, Neues zu entdecken. Es ist eine völlig neue Klangwelt, die ebenso aus der Folklore wie aus dem Jazz schöpft. Ich muss meine eigene musikalische Sprache finden – mal verträumt, mal tanzbar – mit Synthesizern, Loops und anderen Musiker:innen. Ich erlaube mir völlige Freiheit und nutze, was für jedes Stück am besten passt.“
Das London Jazz News beschrieb Grynivas schöpferische Kraft so: „Das Maß an Talent – ja, fast Zauberei – musikwissenschaftlich, kompositorisch, stimmlich – das in ihr steckt und sich in so vielen Facetten zeigt, ist außergewöhnlich.“
Meerjungfrauen-Geister, selbstbewusste ukrainische Großmütter und traditionelle peruanische Rhythmen – all das verschmilzt in diesem eklektischen neuen Album der gefeierten Sängerin und Komponistin Ganna Gryniva und eine Sammlung von Liedern, die auf traditionellen ukrainischen Melodien basieren, ergänzt um Kompositionen mit einem eher Indie-Pop-orientierten Sound.
Berthold Records
CD BR324199 LP BR324120 LC 27984 4250647324199 Vertrieb: Cargo
VÖ: 17.10.2025