Christoph Stiefel – The Source

nur als Vinyl LP + Digital erhältlich 

 

Die Suche nach dem Wesentlichen erreicht ein ganz neues Niveau mit diesem demütigen Statement von allumfassender Kraft und Größe. Christoph Stiefel hat sich noch nie um gängige Formate geschert, macht sich hier von allen äußeren und inneren Vorgaben frei.

Schönheit, die ich meine. Eine Erhabenheit, so transparent, erschöpfend und überwältigend, dass kein Wort sie je beschreiben könnte. Oder ist es vielleicht ein musikalischer Tiefseegraben, der uns auf den Grund einer Welt führt, von deren Empfindungswucht wir uns nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung zu machen wagten? Formen, Farben und Dimensionen, die erst in diesem Augenblick erfunden werden mussten, um sich dem Ohr zu manifestieren? Aber was bedeutet schon das Ohr, ist es doch nur das Eingangsportal zu Körper und Seele, Erinnerung und Ahnung, dem Menschlichen im Universellen und dem Immergültigen im Individuellen.

Flüchtig behört ist Christoph Stiefels neues Album ein Soloalbum auf dem Klavier. Soweit so gut. In Wirklichkeit ist es jedoch ein Dialog mit der Unendlichkeit, dessen zeitliche Begrenzung auf die Länge eines Albums nur Illusion ist. Der Schweizer ist sich der Ausdehnung jedes einzelnen Tons, den er auf seinem Album einfängt, bewusst. Die Akustik der beiden Räume, in denen die Aufnahmen entstanden, erlaubten es ihm, jeden Ton nachzuhören, bevor er den jeweils nächsten anschlug. Der einträchtige Dualismus von Klang und Stille erlangt dabei zentrale Bedeutung. Der Pianist wird zum gestaltenden Medium einer scheinbar größeren Kraft, die ihre Finger in den Handschuh seines Körpers legt. Er spielt, was er spielen muss, es bleibt ihm keine Wahl. Es ist Musik, doch vor allem ist es der ultimative Kreislauf von Schöpfung und Vergänglichkeit.

All das mag wie ein Paradoxon klingen, wenn sich gleich beim Hören des titelgebenden Openers die erschütternde Physis der Musik Bahn bricht. Das ist kein cleanes Selbstspielpiano, das nichts mehr über die Situation und Persönlichkeit des Pianisten verrät, sondern dank des Fingerspitzengefühls von Tontechniker Michael Brändli, Stiefels Partner im Ohr, hören wir einen Menschen, der in einem realen Raum an seinem Instrument sitzt und die Musik in Echtzeit mit seinem Leben erfüllt. Wir hören Nebengeräusche, ein Rascheln, Atmen, Flirren, das dem spielerischen Augenblick Kontur verleiht. Nicht das Klavier gibt uns Zugang zum Klanggarten dieses Albums, es ist Christoph Stiefel selbst, den wir hier als spielendes Individuum unmittelbar vor unserem hörenden Auge wahrnehmen.

Bei diesem Prozess offenbaren sich viele Bilder voller Tiefe und Transzendenz. Stiefel selbst vermeidet beim Spielen derartige Assoziationen und lässt stattdessen einem Gefühl und einer Bewegung freien Lauf, die seiner Intuition die Richtung vorgeben. „Ich weiß bis kurz vorher nicht, was ich spielen und wie ich es am Instrument umsetzen werde. Auch nach dem Spielen erinnere ich mich meist nicht mehr, was und wie ich es gespielt habe. Die Musik fließt einfach durch mich hindurch, quasi ohne mein Zutun. Mein Beitrag besteht lediglich darin, diesem Schöpfungsakt nicht im Wege zu stehen, damit dieses ganz Neue, auch mir Unbekannte überhaupt entstehen kann.“

Dieses ihm wie auch dem Hörer Unbekannte ist eine rigorose Bedingungslosigkeit, die keinerlei Benennungen oder Kategorien braucht. Christoph Stiefel hat sich noch nie um gängige Formate geschert, doch auf „To The Source“ erreicht diese Suche nach dem Wesentlichen ein ganz neues Niveau, das man vorschnell als fundamentale Schönheit charakterisieren könnte, wäre auch dieser Begriff nicht schon so abgenutzt. Stiefel macht sich von allen äußeren und inneren Vorgaben frei und vertraut voll und ganz auf die souveräne Entscheidungsfähigkeit seiner Hörerschaft, wovon sie berührt wird und wovon nicht.

Christoph Stiefel hat einen langen Weg zurückgelegt, auf dem er ein weites Spektrum an Spielhaltungen, Stilistiken und Traditionen abdeckte. Es war ein Weg der bewussten Erkenntnis und konsequenten Vervollkommnung. „To The Source“ ist nun der irreversible Befreiungsschlag, der alles zuvor Geschaffene ebenso respektvoll wie radikal umwertet. Es ist, wie der Titel sagt, gleichermaßen eine Rückbesinnung auf seine Quellen wie ein Bekenntnis zur Essenz unter Weglassung alles Überflüssigen. Auf dem Weg der nonverbalen Kommunikation geht es dem Pianisten um die dezidierte Verbindung von kreativ schaffendem Individuum und im Augenblicklichen expandierender Unendlichkeit. „Es geht um die Erkenntnis, dass man in diesem Fall nicht seine eigenen Vorstellungen, Fähigkeiten oder Vorlieben ausdrückt, sondern das Neue, Ungehörte durch sich hindurchfließen lässt. Das in der Kunst aufscheinende Universelle, das uns alle betrifft. Dann geht es nicht mehr um persönliche Anerkennung oder erlernte Fähigkeiten, sondern um das Zulassen und Erschaffen eines universellen Raums durch die Musik und Kunst, in dem sich jeder angenommen und einbezogen fühlen kann.“

 

Was für ein Geschenk! Welch unverhofftes Manifest eines inklusiven Menschenbildes! „To The Source“ ist nicht weniger als die klanggewordene Erfüllung des ewigen Traumes von Generationen von Philosophen und Mystikern, ein Album, das die richtigen Fragen triggert und deren Antworten großzügig den Hörern überlässt. Ein demütiges Statement von allumfassender Kraft und Größe und zugleich die humanistische Vision eines einzelnen Menschen: Christoph Stiefel.

www.christophstiefel.ch/

 

NWOG Records

nwog 067  LC77779  4015698765311   Vertrieb: Indigo/Kontor

 

nur als Vinyl LP + Digital erhältlich 

 

VÖ: 28.11.2025

Fotos I Cover