8 Octopi – Frail Boat

8 Octopi strecken wieder die Arme aus. Neue, vielschichtige Jazz-Songs des ungewöhnlich besetzten Schweizer Quartetts, gehaltvoll und doch leicht zugänglich.

Ben Zahler lässt keinen Zweifel: im Focus von 8 Octopi (sprich: eight octo-pei) steht der Song. Der Flötist, Komponist und Texter aus Basel ist Leader einer Gruppe, die sich nicht so ohne Weiteres fassen lässt. Eine Jazzformation – das schon. „So werden wir meist wahrgenommen“, schmunzelt Zahler. „Ein paar der Stücke sind aber auch nah an Popsongs“, stellt er fest. Es überwiegen kompakte Songformen, die Arrangements sind klar auf den Lied-Kontext zugeschnitten. Andererseits gibt es solistische, auch mal kollektive Freiheiten. Und dann ist da die Instrumentierung: ein akustisches Quartett (neuerdings erweitert um einzelne elektronische Farben), in dem Stimme und Flöte nebeneinander agieren, während Klavier und Kontrabass die federnde Basis bilden. Kein Schlagzeug – und doch rhythmisch nachdrücklich.

Zahlers Songs als anspruchsvoll zu bezeichnen, träfe sicherlich zu. Allerdings unterschlägt es, dass das Kluge, Komplexe und Ambitionierte meist transparent und zugänglich wirkt. Ein Beispiel für die hohe Kunst, Anspruchsvolleres vergleichsweise leicht erscheinen zu lassen. Das liegt auch am Gesang. Patricija Skof bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit und mit Hingabe durch die Songs. Sie verleiht den Titeln stimmlich und durch ihren Ausdruck eine besondere Qualität, der man gerne folgt. Das Erstaunliche: die gebürtige Slowenin stieß erst vor gar nicht so langer Zeit zur Band. Ein echter Glücksfall, geradezu eine Fügung, wie Ben Zahler es empfindet. Skofs Vorgängerin war nach den Tour-Aktivitäten im Fahrwasser des vorigen Albums „Errors in Disguise“ (2023, Berthold Records) aus privaten Gründen ausgeschieden. Ben Zahler wurde durch ein Video auf Patricija Skof aufmerksam. Die wiederum war bestens mit 8 Octopi vertraut, hatte die Band auch schon live erlebt. Entsprechend freudig folgte sie dem Angebot, einzusteigen. Man hört, dass sie nicht nur ganz in ihrem Element ist; sie kann zudem aus vielfältigen Erfahrungen schöpfen, von eigenen Alben bis hin zu Big Band-Engagements.
Mit ihr hat 8 Octopi den nächsten großen Schritt in einer inzwischen rund zehnjährigen Bandgeschichte vollzogen. Zahler rückblickend: „Auch wenn Patricija und ihre Vorgängerin Isabelle Ritter völlig verschiedene Stimmen haben und ich mich dem kompositorisch erstmal ein Stück weit anpassen musste – eine wesentlich größere, entscheidende Veränderung in der Entwicklung der Gruppe war lange vorher der Wechsel der Rhythmusgruppe.“ Die erste Version des Quartetts hatte er vor etwa 10 Jahren zusammengestellt. 2018 erschien das Albumdebüt „Quietly Cold“ – damals hieß die Band noch Ben Zahler’s Songgoing. Irgendwann mochte die erste sogenannte „Rhythmusgruppe“ (Pianist und Bassist) den kompositorischen Ideen des Leaders nicht mehr in Gänze folgen. Mit dem katalanischen Pianisten Iannis Obiols und dem ukrainischen Bassisten Ilya Alabuzhev fand Zahler schnell ein ideales Gespann, offen und aufgeschlossen für den außerordentlichen Charakter der Stücke. Da war es nur folgerichtig, einen neuen Bandnamen zu prägen. 8 Octopi, zunächst nur ein Songtitel, ist einer Anekdote in Autor Salman Rushdies Roman „Quichotte“ entlehnt. Alabuzhev und Obiols bringen all das mit, was die Vorstellungen des Bandleaders erfordern: ambitionierte Neugier, stilistische Offenheit, solistische Klasse und spielfreudige Teamfähigkeit. Alle Mitglieder der jetzigen internationalen Besetzung sind eng verbunden mit dem Jazzkollektiv Basel und entsprechend vernetzt in der dortigen Szene.
Zahler komponiert am Klavier. Als Teenager war das eine zeitlang sein Hauptinstrument. Auf dem unternahm er neben dem üblichen Klassik-Kanon auch erste Ausflüge in Richtung Jazz, zunächst traditionell geprägt. Begonnen hatte er als Siebenjähriger auf der Flöte. Im Zuge der wachsenden Jazzbegeisterung wurde die schließlich wieder zur ersten Wahl, was den persönlichen Ausdruck angeht. Fragt man den Schweizer, der aus dem Großraum Basel stammt, nach seinen ewigen Helden auf der Jazzflöte, fallen überraschende Namen: allen voran Eric Dolphy, gefolgt von Frank Wess und Yusef Lateef. Zeitgenössische Kolleginnen und Kollegen hat er selbstredend ebenfalls im Blick.
Einst spielte Zahler auch in konventionell ausgerichteten Jazz-Combos und Bigbands. Heute ist ihm das Songschreiben ebenso wichtig wie das instrumentale Statement. „Ich sehe mich eher als Songwriter denn als Komponist!“, sagt er – und weiß sehr wohl, dass ihn das fast zu einer Art buntem Vogel im aktuellen Jazzgeschehen macht. Wer in die Texte einsteigt, wird mit einer Vielzahl an Perspektiven, mit sprachlicher Finesse, mit feiner Ironie, aber auch mit poetischer Kraft belohnt. Der Ursprung liegt in Zahlers Interesse an Literatur. Während seines Studiums – er machte Master in Musik (Schwerpunkt Jazz) und Computer Science – wählte er als Nebenfach englische Literatur. Zur Schlüsselerfahrung wurde ein creative-writing-Kurs. Seit einem frühen, einjährigen Aufenthalt in den USA ist Englisch für ihn selbstverständlich geworden.
Für die Verbindung von Text und Musik hat Ben Zahler „keinen klaren Workflow“. Textideen sammelt er in verschiedenen Lebenssituationen, oft hält er sie auf dem Handy fest, entwickelt sie weiter und führt sie mit Komponiertem zusammen. Dabei mag er, ganz klar, das Speziellere. „Es darf nicht banal und simpel sein, soll aber gut klingen und Spaß machen.“ Die große musikalische Bandbreite entspricht der seiner Texte. Von der bissig-ironischen Kritik des eingängigen „Money Maker“ bis zum romantischen „Still Clouds“, von der Fragilität des Titelstücks „Frail Boat“ bis zur Chet Baker-Hommage „Chet Contrails“, vom poetisch verrätselten „Lost in Arrows“ bis zu Philosophischem.

Das kreative Schaffen, so räumt er gerne ein, bildet ein wichtiges Gegengewicht zum Dayjob als erfahrener IT-Fachmann. Letzteres wiederum nährt Texte wie „Money Maker“. Seine Kenntnisse als Informatiker halfen natürlich bei der Programmierung der Sounds in „Black Blanket“ und „Still Clouds“, ein neues Element im Sound. Mit Frail Boat strecken 8 Octopi erneut die Arme aus. Man kann sich ihnen getrost anvertrauen.

https://www.benzahler.ch/8-octopi.html          https://www.berthold-records.de/

Berthold Rec  BR326025    LC27984   4250647326025    Vertrieb: Cargo

 

VÖ: 20.03 2026

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