Phillip Golub – Partisan Ship
Was dem ersten Eindruck nach kompliziert klingt, nimmt einen, wenn man sich drauf einlässt, direkt mit ins Offene. Und was die Musik auf Partisan Ship widerspiegelt, ist eine immense Schönheit.
Der erste Eindruck ist ein chaotischer, einfach, weil man so etwas auch nach all den Jahren Freejazz und Avantgarde-Experimenten dann doch noch nicht gehört hat. Schnell gespielte Keyboardnoten, eine sehr freigeistige Klarinette, sozusagen über die eigenen Füße stolpernde Schlagzeugpatterns, konstante Wechsel in der Dynamik, mittendrin ein vergleichsweise traditionelles Trompetensolo, ein Bass, der nicht das Fundament legt, sondern es vielmehr umspielt, so wie alle anderen Instrumente auch. Die von dieser Konstellation ausgehende Ideenballung genügt Phillip Golub gerade einmal für die sieben Minuten von ‚loyalty oath‘, dem ersten Stück seines neuen Albums Partsian Ship.
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Musik, die man von dem in Brooklyn, New York, lebenden Pianisten und Komponisten zu hören bekommt, ist durchaus fordernd. Und das mehr noch als bei den beiden Vorgängeralben Filters und Abiding Memory. Aber sie hat trotzdem nichts Schweres. Das Titelstück beispielsweise wirkt beim ersten oberflächlichen Hören streckenweise wie eine Kollektivimprovisation. Aber der Sound, der hier entsteht, ist trotzdem wunderbar leicht und anspielungsreich. Immer wieder tauchen Reminiszenzen an Bebop, Balkan Sounds, Big Bands, Neoklassik, Elektronik und Geräuschmusik und avantgardistische Spielweisen aller Art auf. Ein System ohne beengende Grenzen.
Das Ergebnis ist nicht weniger als eine in dieser Form neue musikalische Sprache, mit eigenen Dynamiken und Melodiefarben, die ungewohnt klingt, aber nichts Zufälliges oder gar Beliebiges hat. Partisan Ship liegt ein detailliertes Konzept zugrunde. „Ich habe die gesamte Musik zuerst geschrieben und dann Demo-Tracks mit MIDI-Instrumenten erstellt“, erzählt Phillip Golub – die Partitur, die er für das Album geschrieben hat, ist 157 Seiten stark. Dann wurden befreundete Musiker:innen mobilisiert, die die einzelnen Spuren eingespielt haben. „Sie haben mir ihre Aufnahmen geschickt, oder ich hab sie selbst aufgenommen. Anschließend habe ich dann viele Stunden mit dem Editing und der Produktion verbracht.“ Alles in Heimarbeit.
Der Ausgangspunkt für diese kompositorische Strenge aber ist ein Experiment: „Im Vorfeld hab ich befreundete Komponist:innen zu monatlichen Zoom-Sessions eingeladen, in denen jeweils mikrotonale Skalen oder Melodien vorgeschlagen wurden. Jeder schrieb eine etwa einminütige Skizze, und die waren dann die Ausgangspunkte für die Stücke auf Partisan Ship.“
Das Anderssein dieser Musik hat auch viel mit einen ungewohnten Register zu tun. Die Kompostionen auf Partisan Ship greifen konsequent auf Mikrotonalität zurück, also auf die Verwendung von Tonhöhen außerhalb des im Jazz und in der Klassik gemeinhin verwendeten 12-stufigen Systems. Die Ergebnisse eröffnen wirklich einmal ungekannte musikalische Welten. Die aber – und das unterscheidet Partisan Ship ganz fundamental von vielen anderen, eher selbstzweckhaften Avantgarde-Ansätzen – bei aller Komplexität und Mehrschichtigkeit als unmittelbar emotional zugänglicher Jazz funktionieren. Was dem ersten Eindruck nach kompliziert klingt, nimmt einen, wenn man sich drauf einlässt, direkt mit ins Offene.
Komplexität ergibt sich aus der Musik selbst und einer Haltung zur Welt. „Ich habe das Gefühl, dass jede Musik die Erfahrungen, die man macht, widerspiegelt“, sagt Golub. „Und damit bis zu einem gewissen Grad auch die Welt selbst. Unsere Welt ist zutiefst kompliziert und oft auch nicht verständlich. Ich denke, meine Musik spiegelt das – nicht absichtlich, sondern einfach, weil es sich so ergibt.“ Und was die Musik auf Partisan Ship außerdem noch widerspiegelt, kann man ergänzen, ist eine immense Schönheit.
Berthold Records BR32609 / LC 27984/ 4250647326094 / Vertrieb: Cargo
VÖ: 15.05.2026





