Phraim – Sirens

Zwischen Verführung und Aufbruch: Phraim erfinden sich neu – und laden in eine klangliche Zwischenwelt voller Spannung und Freiheit ein. Eine Klangsprache, die Raum lässt und bewusst Grenzen im Sound verschiebt.

 

Ein Neuanfang ist kein Bruch, sondern ein von Erfahrungen begleiteter, bewusster Richtungswechsel. Für das Luzerner Kollektiv Phraim markiert Sirens genau diesen Moment: ein Innehalten nach dem international beachteten Vorgänger Hysteria – und zugleich ein selbstbewusster Schritt in eine neue klangliche Identität.

Seit Herbst 2016 besteht die Band, gegründet in Luzern und Basel von vier Musiker:innen, die sich während ihres Studiums in Wien begegnet sind und unabhängig voneinander ihren Weg in die Schweiz fanden. Mit dem Wechsel vom Klavier zur Gitarre verschiebt sich nun das klangliche Zentrum des Ensembles. Die Zürcher Gitarristin Mareille Merck erweitert das Spektrum um ein singendes, wandelbares Instrument, das sowohl Fundament als auch Fläche sein kann – scharf konturiert oder atmosphärisch schwebend. „Es ist eine tolle Erfahrung, in eine Band zu kommen, die schon lange existiert und eingegroovt ist. Man muss zwischen bereits bestehenden Strukturen seinen Platz finden und darf gleichzeitig auch seinen eigenen Sound und Stil einbringen. Diese Balance ist eine spannende Herausforderung.“

Viele der Kompositionen wurden ursprünglich für Klavier mit zum Teil ausgeschriebenen Parts konzipiert. „Wir wollten das Klavier nicht ersetzen“, sagt Bandleaderin und Sängerin Nina Reiter. „Uns ging es darum, die neue Besetzung als Chance zu begreifen und die klanglichen Möglichkeiten der Gitarre auch kompositorisch einzubinden und so unseren Bandsound weiterzuentwickeln. Wir sind nicht eine Band mit Sängerin, bei der jetzt noch eine Gitarristin mitspielt, sondern ein Kollektiv, das lebendig ist und nach neuen Wegen sucht.“

Dieses kollektive Denken prägt nicht nur den Sound, sondern auch die Entstehung der Stücke. Kompositorische Skizzen einzelner Bandmitglieder werden im Proberaum gemeinsam weiterentwickelt, gedreht, gewendet, reduziert. „Das Komponieren ist das eine, aber im Proberaum beginnt die eigentliche Arbeit“, erklärt Reiter. „Wir spielen Ideen so lange durch, bis sie sich organisch anfühlen. Erst später entscheiden wir, ob ein Text zur Musik passt – oder ob ein Stück ohne Lyrics seine Stimmung klarer transportiert. Manchmal ist es spannender, wenn die Zuhörerenden nicht in eine Richtung gedrängt werden, sondern ihre eigene Geschichte im Song hören können.“

So entfaltet sich Sirens als fließendes Gefüge aus erzählten und offenen Momenten. Der titelgebende „Siren Song“ bildet dabei das poetische Zentrum des Albums. Schillernde harmonische Farben und ein chorisch gesungenes „uh“ und „ah“ evozieren den mythologischen Gesang der Sirenen – nicht als folkloristische Anspielung, sondern als klangliche Metapher für Anziehung und Ambivalenz. „Die Sirenen sind für mich Projektionsflächen“, sagt Reiter. „Sie stehen für Verführung, aber auch für Selbstbestimmung. Diese Mehrdeutigkeit interessiert mich.“ Der Song bewegt sich zwischen subtiler Verlockung und eruptiver Intensität, zwischen kontrollierter Struktur und kollektivem Aufbrechen.

Ganz anders, und doch im selben Spannungsfeld, steht „Sexual Redemption“. Die Komposition von Marc Mezgolits begleitet die Band seit ihren frühen Jahren und wurde nun für das Album neu gedacht. Gitarreneffekte erweitern den Klangraum – vom expressiven, beinahe wilden Solo bis zum fragilen Unisono mit der Stimme. Auffällig ist die Dramaturgie: Der Text setzt erst im Mittelteil ein und durchbricht bewusst gewohnte Song-Architekturen. „Wenn der Text nicht am Anfang steht und mit der Erwartungshaltung gespielt wird, verändert das die Wahrnehmung“, so die Band. „Man hört anders zu – offener.“

Auch „Again“ trägt diese neue Klarheit in sich. Ursprünglich für Hysteria vorgesehen, fand das Stück erst jetzt seine endgültige Form. In der aktuellen Besetzung klingt es durch den harten Gitarrensound roher, direkter, fast kompromisslos. Die Musik von Peter Primus Frosch verbindet sich mit Reiters Text über eine toxische Beziehung, durchzogen von Bildern aus Meer und Schifffahrt. Die bewusste Kürze des Songs verstärkt seine Dringlichkeit – ein konzentrierter Impuls, der nachhallt.

Einen erzählerischen Gegenpol setzt „A Lady Has No Dreams“. Hier zeichnet Reiter das Porträt einer fiktiven Schriftstellerin im viktorianischen Zeitalter, die sich gegen gesellschaftliche Widerstände behauptet und um ein eigenständiges Leben ringt. Die Musik folgt diesem Entwicklungsprozess in mehreren Abschnitten: von zurückhaltender Intimität hin zu wachsender Entschlossenheit. „Es braucht sehr viel Mut seine eigene Stimme zu finden und diese dann auch einzusetzen“, sagt Reiter. „Gerade wenn die Welt einem sagt, man solle keine haben und nicht aus dem Rahmen fallen.“

So wird Sirens zu einem Album, das seine Themen nicht illustriert, sondern erfahrbar macht. Verführung und Widerstand, Abhängigkeit und Selbstermächtigung, Nähe und Distanz – all das spiegelt sich in einer Klangsprache, die bewusst Raum lässt.

Phraim zeigt sich hier als Working Band im besten Sinne: als Kollektiv, das Unterschiede produktiv macht, das Kompositionen gemeinsam formt und dem Prozess vertraut. Sirens ist daher weniger ein abgeschlossenes Statement als eine Einladung – sich vom Sog der Musik erfassen zu lassen und darin etwas Eigenes zu entdecken.

Oder, wie Nina Reiter es formuliert: „Wir wollen Räume öffnen, teilhaben lassen und zum Nachdenken anregen.“

PHRAIM

Li:J Records 001 / LC104231 / 7629999084575

Vertrieb: alle Streaming Plattformen, Bandcamp; physisch: phraim.ch, nina-reiter.com

VÖ: 23.6.2026

Fotos I Cover