Mathei Florea New Grounds – Never Odd Or Even
Ein Hohelied auf die Harmonie der Gegensätze und verloren geglaubte Schönheit
Grenzen zwischen Jazz, Klassik, zeitgenössischer Popmusik und Folklore verflüchtigen sich, ohne in die eine oder andere Richtung zu zwingen
Wann hat man schon mal Gelegenheit, sich als Hörer in einen Schmetterling zu verwandeln? Genau das passiert auf dem zweiten Album des estnischen Pianisten und Komponisten Mathei Florea in dem Track „Butterfly“. Die Ohren bekommen Flügel, Wände verwandeln sich in Grashalme, das Mobiliar in Blüten, die uns umgebenden Menschen in ein Gewimmel von sechsbeinigen Winzlingen und unser ganzes Dasein erhält eine Leichtigkeit, von deren Möglichkeit wir vor diesem Song nicht die leiseste Ahnung hatten. Und schon wissen wir, dieser Mathei Florea ist ein Magier, der unsere ganze Existenz mittels Musik in einen Traum transformieren kann.
Mathei Florea ist ein Pendler zwischen Tallinn und Berlin. In der Berliner Szene ist er bestens vernetzt, was man nicht zuletzt an seiner Besetzung erkennt. Er selbst spielt Klavier, der fantastische Dima Bondarev flankiert ihn an der Trompete wie ein Alter Ego des Komponisten, Cookie Stephenson ist am Bass zu hören und Johannes Metzger am Schlagzeug. Die Geigerinnen Youka Snell und Ola Blachno, Bratschistin Philine Metzger und Cellistin Kornelia Jamborowicz runden die Besetzung ab, und der New Yorker Gitarrist Gilad Hekselman gastiert flirrend im ersten Stück. Ein entscheidender Anteil an der Balance dieses Gesamtkunstwerks kommt nicht zuletzt Ton-Ingenieur Marian Hafenstein zu.
In dieser Konstellation kann sich Florea in jede nur denkbare Richtung begeben. Bereits im Opener „Homeland“ nimmt er uns mit auf einen Marsch, der ungleich strenger und düsterer ist als das Sommeridyll in „Butterfly“, aber auch voller lichter Momente steckt. Auch hier inszeniert er ein imposantes Spiel, das ein impressionistisches Farbverständnis suggeriert. Harmonien verdichten sich und lösen sich auf, eingängige Melodien manifestieren sich, als wäre es das Einfachste der Welt, und die Grenzen zwischen Jazz, Klassik, zeitgenössischer Popmusik und Folklore verflüchtigen sich, ohne die Hörer je in die eine oder andere Richtung zu zwingen.
Diese tiefgründige Leichtigkeit geht Mathei Florea nicht zuletzt deshalb so gut von der Hand, weil er den im Jazz so oft apostrophierten Gegensatz zwischen Komposition und Improvisation komplett ad absurdum führt. „Ich will mich nicht an eine bestimmte Hörergruppe wenden“, macht er deutlich. „Ich möchte nicht, dass sie beim Hören darüber nachdenken, wie komplex oder schwierig die Musik ist, sondern ich will ihnen etwas geben, das sie einfach genießen können, ohne sich anzustrengen. Ich würde es zwar immer noch Jazz nennen, aber ich will auch Menschen erreichen, die sich nicht als Jazzhörer bezeichnen würden.“
Für sein zweites Album sammelte der passionierte Geschichtenerzähler über einen langen Zeitraum musikalische Ideen, die er teilweise im Vorübergehen als Voice Message aufnahm, bis er aus diesen flüchtigen Ideen einen Zyklus von sieben Kompositionen machte. Mit jedem Stück führt er uns in eine völlig andere Welt. In dem Song „Meil Aiaäärne Tänavas“ erklingt plötzlich die glasklare Stimme der Polin Ola Blachno, die das ganze Ensemble wieder auf ein völlig anderes Terrain führt. Gemeinsam ist all diesen Songs ein Füllhorn markanter Melodien. Dabei sieht Florea in seiner Melodik nicht einmal seine größte Stärke. „Ich gehe eigentlich immer von den Harmonien aus“, erklärt er mit verschmitztem Lächeln. „Ich habe beim Komponieren keine bestimmten Bilder, Geschichten oder Narrative im Kopf, lasse mich weder von Gefühlen leiten noch von Stimmungen hinreißen. Aber ich jamme viel auf dem Klavier, und wenn mir dann etwas gefällt, schreibe ich es auf und dringe tiefer in die Idee ein. Wichtig war mir eine größtmögliche Vielfalt. Als ich die ersten Kompositionen zusammen hatte, begann ich mir Gedanken über den großen Bogen des Albums zu machen. Welche Tempi, Tonarten und Stimmungen hatte ich bereits, und wie könnte ich sie in den anderen Stücken ergänzen, ohne mich zu wiederholen?“
Mathei Florea ist ein glücklicher Mensch. Das hört man seiner Musik in jedem einzelnen Ton an. Er wandert von Melodie zu Melodie und teilt mit seinen Hörern die Verblüffung über seine eigenen Einfälle. Es leicht, seinen Verführungen zu folgen. Zwar gibt es in seinen Kompositionen auch nachdenkliche und nostalgische Momente, doch das pralle Leben gewinnt immer wieder Oberhand. „Ich habe ein sehr stabiles Leben, meine menschlichen Beziehungen funktionieren wunderbar, ich unterliege keinen Stimmungswechseln, die ich in meine Musik tragen müsste. Oft habe ich einfach ein Motiv auf dem Klavier, auf dem ich dann eine Komposition aufbaue. Ich lasse mich auch von älteren Komponisten inspirieren, die ich aber definitiv nicht kopieren will, sondern die mir einen Ausgangspunkt geben. Ich schreibe einfach Musik, die ich selbst gern hören möchte.“
„Never Odd Or Even“ ist ein Hohelied auf die Harmonie der Gegensätze. Mathei Floreas Musik lebt im Augenblick und bleibt für die Ewigkeit. Er vollzieht auf seinem zweiten Album eine beeindruckende Gratwanderung zwischen den Abgründen formaler Strenge und den Gipfeln gestalterischer Freiheit. Auf diesem Weg führt er seine Hörerschaft unverhofft auf ein Plateau, auf dem wir das verloren geglaubte Gut der absoluten Schönheit wiederfinden.
Hey!Jazz HJZ-025649 4251959829594 LC30662 Vertrieb: Hey!Blau/Bandcamp
VÖ: 27.11.2026







