Potsa Lotsa XL & José Davila – Löyly

Was haben Korea, Finnland, Puerto Rico, New York und Berlin gemeinsam? Löyly.

 

Auf ihrem neuen Album verwandeln Silke Eberhard und Potsa Lotsa rhythmische Verdichtung, schamanistische Geister und die Energie eines internationalen Freundeskreises in avantgardistischen Jazz, zu dem man erstaunlicherweise tanzen möchte.

 

Was haben Korea, Finnland, Puerto Rico, New York und Berlin gemein? Als würde die Antwort nicht auf der Hand liegen. Es ist natürlich Löyly. Bitte was? Ja, das ist kein Tippfehler und auch kein ärgerlicher Schabernack der Autokorrektur, sondern Löyly gibt es wirklich. Allerdings muss man daran glauben. Wer Löyly sucht, wird sie/ihn/es auf dem neuen Album der Berliner Saxofonistin Silke Eberhard und ihrer Band Potsa Lotsa finden, diesmal im Verein mit dem puerto-ricanischen Tubisten und Posaunisten José Davila, der zu den Aktivposten der New Yorker Avantgarde-Jazz-Szene im Umfeld von Henry Threadgill zählt. Womit schonmal die Frage nach drei der fünf Standorte gefunden wären.

Silke Eberhards Reise zu Löyly begann in Korea. Dort erlebte sie eine Performance von schamanistischen Trommlern, die auf traditionellen Instrumenten wilde Groves spielten. Dabei offenbarte sich ein Geist, der die Berlinerin unmittelbar umfing und zu neuen Kompositionen inspirierte. Sie konnte diesen Geist noch nicht greifen, wusste aber, dass sie auf ihn reagieren muss und ihr neues Album sich auf Rhythmus unterschiedlicher Konsistenz fokussieren würde. Dieser Geist löste einen unerwarteten Zustand des Loslassens aus, der jedoch noch nach einer anderen Manifestation suchte. Die Saxofonistin begann sich mit dieser Art von Schamanismus, die es auch in Sibirien gibt, auseinanderzusetzen, und versetzte sich in einen Zustand, in dem Hitze und Kälte unmittelbar aufeinander reagieren. Es entsteht Dampf, aus sich verschiedene Chimären ins Unterbewusstsein kräuseln. Und da kommt die finnische Sauna ins Spiel, denn die mystische Zustandsverwandlung, bei der das Wasser auf die heißen Steine trifft und jenen speziellen Dunst auslöst, nennen die Finnen Löyly. Löyly ist die psychedelische Entrücktheit, die man in der Sauna erlangen kann, wenn man diesen Geist – von den Finnen auch als Seele der Sauna bezeichnet – zulässt.

Nun ist es nicht Löyly allein, der auf dem gleichnamigen neuen Album von Silke Eberhards Langzeit-Formation Potsa Lotsa alle Beteiligten in einen Zustand viriler Ausgelassenheit versetzt. Diese Entwicklung, die auf Löyly ihren bisherigen Höhepunkt erreicht, deutete sich schon seit Jahren an. Die Berlinerin ist weit gereist, hat sich intensiv mit der Musik Eric Dolphys, Charles Mingus‘ und Ornette Colemans auseinandergesetzt, um deren Vermächtnis zu verinnerlichen, immer ihrem eigenen Instinkt zu folgen. Dass die koreanischen Schamanen ihr unbewusst den Weg zu Löyly wiesen, war nur eine logische, um nicht zu sagen unumgängliche Konsequenz auf diesem längst eingeschlagenen Weg. Ein entscheidender Anteil liegt aber auch bei den beteiligten Musikerinnen und Musikern an dem Album. Außer Silke Eberhard am Altsaxofon sind Klarinettist Jürgen Kupke, Tenorsaxofonist Patrick Braun, Trompeter Nikolaus Neuser, Posaunist Gerhard Gschlößl, Cellist Johannes Fink, Mallet-Zauberin Taiko Saito, Pianist Antonis Anissegos, Bassist Igor Spallati und Drummer Kay Lübke an der Einspielung beteiligt. Potsa Lotsa ist nicht einfach nur eine Band, das ist ein Freundeskreis, der sich seit Jahrzehnten kennt. Sie treffen sich nicht, um sich eines Jobs zu entledigen, sondern weil sie gar nicht anders können und wollen, als miteinander zu musizieren, so als würden sie gemeinsam in den Urlaub fahren oder sich abends zum Grillen treffen.

Hinzu kommt als Gast José Davila. Den Tubisten und Posaunisten lernte Silke Eberhard durch ihre Zusammenarbeit mit Henry Threadgills Band Zooid kennen, mit der es 2023 zu einer umjubelten Performance auf dem Berliner JazzFest kam. Zwischen der Saxofonistin und dem Tubisten entwickelte sich eine intensive Freundschaft, und so wurde auch er ein Alliierter von Potsa Lotsa, der mit seinem puerto-ricanischen Rhythmus-Feuer noch einmal ganz anderen Pfeffer in den spirituellen Nebel von Potsa Lotsa einbringt. Die Vertanztheit seiner trotzdem noch komplexen Akzentuierung drängt sich niemals vordergründig in den Bandkontext, sondern verläuft sich mit den Impulsen aller anderen Beteiligten zu einer packenden Einheit. Davila ist ein Mann der Aktion. Wenn er nicht gerade Tuba oder Posaune spielt, greift er sich irgendwelche Perkussionsinstrumente um ohne Unterlass ins musikalische Geschehen einzugreifen und sein Umfeld anzufeuern. Seine Persönlichkeit allein könnte ein ganzes Fußballstadion in Vibration versetzen. Die Bandleaderin betont, dass im Studio beim Musizieren nicht selten getanzt wurde.

Doch wie schreibt und antizipiert man all das? Silke Eberhard ist eine erfahrene Komponistin, die hier souverän ihren Weg zwischen den Leitplanken des abstrakten Impressionismus eines Henry Threadgill und der ornamentalen Gesellschaftsmetaphern eines Ornette Coleman bahnt. Mit Löyly konnte sie aber vorausschauend nicht rechnen. Silke Eberhard verrät das Rezept für ihren magischen Aufguss. „Ich habe von Anfang an rhythmisch gedacht und die Linien und Strukturen auf verschiedenen Ebenen so entworfen, dass sie gleichzeitig stattfinden und sich gegenseitig beeinflussen. In vielen Teilen habe ich aber nicht festgelegt, wer was spielt. Alle spielen immer da, wo es für sie schön ist. Ich dachte mir, wenn man sich die Sachen rauspicken kann, die einem Spaß machen, ist die Spielfreude vorprogrammiert.“ So einfach ist das also, zumindest wenn sich eine Frau an solch ein Unterfangen macht, die genau weiß, was sie tut. Es geht der Komponistin um eine Übersetzung von der Verdichtung im Raum durch Dampf. Mit anderen Worten, die ganze Band ist löyly.

Live treten Silke Eberhard und Potsa Lotsa nur noch mit Nebelmaschine auf, um Löyly auch vor dem Publikum zu rufen. Sie bleibt eine Avantgardistin, Visionärin und musikalische Vordenkerin. Das Credo ihres überaus unterhaltsamen neuen Albums lautet trotzdem oder gerade deshalb: Man kann zu Allem tanzen. Ab geht’s, let’s be löyly!

Silke Eberhard

Trouble In The East Records / TITE-REC 055 / LC 50472 / 0709591094770 /

Vertrieb: https://troubleintheeastrecords.bandcamp.com/    https://silkeeberhard.com/cds/

VÖ: 4.12.2026

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