Benjamin Weidekamp Quartett - seriell, nicht seriös

Benjamin Weidekamp Quartett – seriell, nicht seriös

WhyPlayJazz / RS011 / Vertrieb:  whyplayjazz.de   EAN 4050486096789 

 Veröffentlichung: 11. April 2014

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Mikrotonaler-Entertainment-Groove-Jazz auf der Basis von Spektralanalyse und dem Morsealphabet. Der kreative Kopf von Olaf Ton und Stereo Lisa meldet sich mit seinem Quartett zurück.

 ‚seriell, nicht seriös‘ bezieht sich auf die Kompositionsmethode, die Weidekamp auf der Basis von Kompositionstechniken der Neuen Musik eigens für diese Quartett Musik entwickelt hat. Weidekamp setzt die Einflüsse aus der Neuen Musik mit beeindruckender Strenge und Konsequenz um. Sie lassen sich vor allem in zwei Bereichen konstatieren: Harmonie und Rhythmus. Letzterer unterliegt vollkommen dem Übersetzungsschlüssel, den Weidekamp für die Namensübertragung der Bandmitglieder in das Morsealphabet verwendet hat.

 „Grundsätzlich verstehe ich die Methode, mit dem Morsecode zu operieren, als Strategie und / oder eine Art Spielregel, die ich mir selbst auferlege“ sagt Weidekamp. „Beim Komponieren selber geht es dann darum, diese Spielregeln zu variieren, zu dehnen, auszureizen, umzustellen, in Frage zu stellen, neu zu erfinden oder zu mogeln, um ein befriedigendes bzw. das gewünschte Klangergebnis zu erreichen.“

 Offensichtlich haben Weidekamp und seine Kollegen schon so einiges von Kanye West, Jay Z und Missy Elliott gehört. Und sie scheinen ein paar Dinge von Beats zu verstehen. Christian Mariens Druck und Schlagzeug-Sound beispielsweise würden Timbaland glücklich machen. So bringt die Band die alten Signal-Chiffren gewaltig zum grooven. Der Saxophonist Uli Kempendorff findet dafür die folgenden Worte: „Neue Musik mit Rock ´n´ Roll-Approach!“

 Harmonisch beschäftigt sich Weidekamp mit verschiedenen mikrotonalen Herangehensweisen, wohlgemerkt nicht als kolorierende Ausnahme von der wohltemperierten Regel des chromatischen Systems – sondern als selbständigen mikrotonalen Klangkosmos.

 Schon der Opener »Nomen est Omen« zeigt Weidekamps souveränen Umgang mit den strikten Methoden: nicht nur die Rhythmen, auch die Harmonien entwickelt er aus den (Ton)Namen der Bandmitglieder. Dabei verwendet er die auf Alois Haba zurückzuführende Split-Chord-Technik, bei der Intervalle im wohltemperierten System in der Mitte durch einen Viertelton geteilt werden.

 Auch die Intervalle einer Schönberg´schen Zwölftonreihe hat Weidekamp bei »Allegro Assai« derart mikrotonal geteilt. „Die Grundidee war, eine schier nicht enden wollende, sich ständig windende Linie zu schreiben, die sich scheinbar an der Grenze des Spielbaren bewegt und die durch ihre Virtuosität und den physischen Aufwand des Spielers einen hypnotischen Sog ausübt.“

 Im Mittelpunkt des kompakten Ensembleklangs steht das Schlagzeug, gespielt von Weidekamps langjährigem Weggefährten Christian Marien, dessen Klänge mit Hilfe von Spektralanalysen (mit der IRCAM-Software »Open Music«) die harmonische Grundlage für die Kompositionen »seriell, nicht seriös« und  »Wu-Han« ergeben: die aus der Analyse gewonnen Frequenzzahlen werden behutsam zum nächstliegenden Viertelton auf- bzw. abgerundet.

 Der Name »Wu-Han« bezieht sich auf zwei China-Becken, aus denen Weidekamp das Material zur Komposition gewann. Einerseits ist sie inspiriert von der Kraft asiatischer Kultur von Gamelan bis zur Poesie moderner Kung Fu-Filme wie »Hero« oder »Tiger & Dragon«; andererseits durch die kompakten Studioaufnahmen der BeBop-Ära: ein Thema mit hoher Ereignisdichte, Improvisation über die harmonische Grundlage des Materials und schließlich verkürztem Schlussthema.

 Dass ein solcher Ausflug ins bisher Unerhörte nicht nur den Zuhörern Spaß macht, zeigt das Quartett in »ausgerechnet Latin«. Den Titel nahm Benjamin Weidekamp als Aufforderung, sowohl die Rhythmus-Basis (die Clave ergibt sich aus dem Morsecode der Schlagzeuger-Initialen) und das harmonische Material (die Akkorde und Melodietöne sind aus den Namen „Graupe/Benjamin“, der Rhythmus der Melodie aus „Ronny/Weidekamp“ abgeleitet) buchstäblich auszurechnen.

 Der Umgang mit Mikrotonalität ist für Weidekamp mittlerweile selbstverständlich.„Mikrotonalität ist ja nicht gleich zu verstehen mit ‚schräg’ bzw. ‚Töne liegen möglichst nah beieinander’ “ sagt Weidekamp. „Wenn ich einen Klang nehme, den ich als angenehm empfinde und den auf Instrumente verteile, dann klingt er ja schön! Und die Welt, die uns umgibt, ist eben mikrotonal. So ein Vogel: der zwitschert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Der weiß ja nichts von wohltemperierter Stimmung“. So passiert es ihm immer wieder, erzählt Weidekamp, dass nach einem Konzert Zuhörer fragen „Und was war jetzt daran mikrotonal?“ Die Antwort ist einfach: Alles! Die Skordatur der 7-saitigen Gitarre von Ronny Graupe (je nachdem sind zwei bis drei Saiten um einen Viertelton gegen die restlichen „verstimmt“), genauso wie das in 1/8-Töne quantifizierte Klangspektrum von »Klangschale«.

 Da stellt sich die Frage, wie gehen vier Musiker, die aus dem Jazz kommen, mit dieser starken Begrenzung der Stilmittel, über die Weidekamp auch noch ein Buch schreibt, am Ende frei in den Improvisationsteilen um?

 Die Art, wie Weidekamps Quartett hier kollektiv improvisiert, erinnert eher an die innere Logik einer Beastie Boys Performance mit Vokabular von Pierre Boulez und Gerad Grisey: Es gibt kein braves Nacheinander und Aufbauen von Spannungsbögen, auch kein wildes einander Übertrumpfen mit freier Energie, vielmehr eine kalkulierte Kakophonie aus Stimmen, die man teilweise nicht mehr voneinander unterscheiden kann, ein Wechselspiel aus Cues und falschen Fährten.

 Das Quartett improvisiert Durchführungen zu den Kompositionen. Auf der Suche nach einem geschlossenen homogenen Klang, bei der die Instrumente miteinander (und klanglich ineinander) verschmelzen, setzt das BWQ in Sachen rhythmischer Komplexität und mikrotonaler Virtuosität neue Maßstäbe: immer im Dienste der Musik, der Ensembleklang im Vordergrund stehend.

 Das Ergebnis groovt mächtig und nimmt den Hörer mit auf eine anspruchsvolle Entdeckungsreise. Und wer die Musik von Weidekamp kennt, der weiß, dass das nicht ohne Humor von statten geht. Wie im Titelsong, wo der angeknackste Thaigong des Schlagzeugers spektral-analysiert, rückwärts abgespielt und in 30-facher Zeitlupe die harmonische Grundlage dazu liefert, dass jeder seinen Namen 16-mal morsen kann.

 »seriell, nicht seriös« eben.

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