Dejan Terzic MELANOIA - Labyrinth

Dejan Terzic MELANOIA - Labyrinth

(enja / Soulfood)                                                              Veröffentlichung: 29. Mai 2015

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 Musik, die uns ermutigt, ins Labyrinth der eigenen Assoziationen zu entfliehen und um an anderer Stelle wieder in den sanften Strom der surrealen Klangbilder einzusteigen - unkalkulierbar und facettenreich, aber auch abgründig, transparent und mysteriös

 Der Traum im Traum im Traum... Wer würde sie nicht kennen, die Situation, aus einem Traum zu erwachen und je nach Art des Traums entsetzt oder beglückt festzustellen, dass es sich gar nicht um einen Traum handelt, nur um eine geträumte Ewigkeit später ins nächste Level des Bewusstseins zu erwachen, das wir Wirklichkeit nennen. Es gibt viel mehr Schleusen zwischen den Kammern von Traum und Wirklichkeit, als uns die Eineindeutigkeit dieser Begriffe suggerieren möchte. Dejan Terzic nimmt uns mit seinem Quartett Melanoia – der Begriff steht für die Quersumme von Melancholie und Paranoia – auf eine Tour ins Innerste seiner Träume mit.

 Das ist allerdings gar nicht so leicht, wie es sich anhört. Musik ist oft als traumhaft empfunden, ohne von Träumen zu handeln. Ein Traum ist eine sehr transzendente Erfahrung, Musik ein transzendenter Ausdruck. Träume von einer transzendenten Ebene auf die andere zu hieven, funktioniert womöglich nur im Labyrinth, das auf Verschachtelungen basiert, aber weder Peripherie noch Zentrum kennt. Ein Irrgarten ist da, um sich zu verlieren, in einem Labyrinth kann man sich finden. In diesem Sinne darf nicht nur der Titel, sondern auch die Musik der ganzen CD verstanden werden. Terzic spinnt lineare erzählerische Fäden, ohne dass vor dem Ohr konkrete Figuren oder Landschaften erstehen würden. Die suggestive Kraft der Musik gleicht eher einer Zugfahrt durch die Dämmerung, in der die Außenwelten zu variablen Farbfeldern verschwimmen, Baumkronen für einen Augenblick nach uns greifen, Straßen mit hinter Schranken wartenden Autos den Strom unserer Imaginationen für den Bruchteil einer Sekunde zerschneiden, Oberleitungen zu begleitenden Konturen werden und Wolkenformationen uns ein Gefühl von Ewigkeit vermitteln.

 Dejan Terzic ist Schlagzeuger. Mit Saxofonist Hayden Chisholm, Pianist Achim Kaufmann und Gitarrist Ronny Graupe hat er eine Band um sich geschart, die man im euphorischsten Sinne des Wortes als Allstar-Formation des deutschen Jazz bezeichnen kann. Mit dem Debüt von Melanoia erhält Terzic in 2014 den ECHO Jazz als bester Schlagzeuger national.

 Vier Musiker, die auf unterschiedlichsten Feldern des Jazz Erfahrungen gesammelt haben. Doch nicht der Austausch der individuellen Stimmen macht diese CD zu einem derart eindringlichen Statement, sondern ihr Erblühen im gemeinsamen Labyrinth. Das Ohr hört auf, nach einzelnen Stimmen zu suchen, was zählt, ist in jedem Moment das Ganze. Diese Innenarchitektur des Klanges verlangt nach starken Gestaltern.

 Bei aller Virtuosität der Beteiligten ist es fast egal, dass hier Saxofon, Piano, Gitarre und Schlagzeug gespielt werden. Die Persönlichkeiten der vier Meister des anspruchsvollen Understatements sind wichtiger als ihre Instrumente. Solos im klassischen Sinne des Jazzbegriffs fehlen deshalb auf der CD komplett. Bei den kurzen und dezenten Exkursen der vier Musiker handelt es sich eher um pointierende oder kolorierende Beiträge, die sich in die stimmige Gesamtarchitektur wunderbar einfügen. Niemand trägt mehr bei, als die Musik im jeweiligen konkreten Moment braucht. Ausgangspunkt ist der sensible, ungeheuer leichte Aufschlag von Terzics Schlagzeug. Es ist da, aber wie die Holzträger in einem Altbau ist es in die Architektur unsichtbar eingebettet.

 Als Wegweiser für den Hörer könnte ein Bass dienen, doch Terzic hat bewusst auf einen Bassisten verzichtet. Da ist zum einen der durchgängige Grundton seiner Erzählungen, der einen Bass überflüssig macht. Zum anderen aber wechseln sich alle vier Musiker mit der informellen Funktion des Basses ab. Graupe hat auf seiner Gitarre eine siebte Bass-Saite, aber auch die anderen drei reichen sich den Bass für das Ohr kaum bewusst nachvollziehbar gegenseitig weiter.

 Terzic und Melanoia geben dem Hörer bewusst keine konkreten Bilder vor. Sie lassen es zu, dass jeder ins Labyrinth seiner eigenen Assoziationen entfliehen kann, im Fluss der Musik zu sich selbst findet, um an anderer Stelle wieder in den sanften Strom der surrealen Klangbilder einzusteigen. So erschöpft sich diese Musik niemals, denn immer wieder wird man sie auf der Leinwand der eigenen Wahrnehmung neu zusammensetzen.

 Der Moment der Selbstfindung ist spätestens in dem Song „A Dream Within A Dream“ erreicht, wenn sich alle Strukturen auflösen und Hayden Chisholm mit tiefer Stimme einen Text von Edgar Allan Poe wie eine Beschwörungsformel murmelt. Was in anderem Kontext wie ein Fremdkörper anmuten würde, ist hier die logische Konsequenz aus dem klingenden Bewusstseinsstrom der Platte. Doch Melanoia lassen ihrem Hörer keine Chance, in Meditation oder Trance zu verfallen. Spätestens mit dem packenden Sperrfeuer in „Parasomnia“ – sozusagen das Reziproke von Melanoia – wird man aus jedem Gleichlauf herausgerissen.

 „Labyrinth“ ist so unkalkulierbar und facettenreich, aber auch so abgründig, transparent und mysteriös wie ein echter Traum. Ob es die süße Verlockung eines hypnotischen Alptraums oder das Elysium einer erlösenden Traumflucht ist, kann jeder Hörer selbst für sich entscheiden.

 www.dejanterzic.com