Athina Kontou Mother – Berati

Athina Kontou Mother finden ihre eigene Sprache

Mit ‚Berati‘ verbindet die Band um Athina Kontou Musiktraditionen aus Griechenland, Armenien und dem Jazz zu einem vielschichtigen Album über Herkunft, Bewegung und kulturelle Mehrfachzugehörigkeit.

Nach vier Jahren veröffentlicht die Band Mother um die deutsch-griechische Kontrabassistin Athina Kontou ihr zweites Album „Berati“: Es ist eine künstlerische Erklärung, ein Prozess der Selbstermächtigung und ein Dialog zwischen Kulturen, der ein Grundstein der Arbeit von Mother ist. Der Titel des Albums – ein traditioneller Tanz aus der Region Epirus – steht symbolisch für die Ursprünglichkeit einer Musik, die sich nicht in starre Grenzen pressen lässt. „Berati“ verweist auf eine Landschaft, in der kulturelle Räume ineinander übergehen: Volkslieder, Eigenkompositionen und Improvisation verschmelzen zu einem organischen Ganzen. Die Musik auf dem Album entfaltet sich wie ein lebendiger Organismus, der zwischen Zartheit und Kraft, zwischen Stille und Ausbruch oszilliert: lyrisch und gereift, frei von starren Konventionen, und doch tief in Traditionen verwurzelt.

Während das erste Album „Tzivaeri“ (nWog, 2022) noch stark von der Bearbeitung traditioneller Lieder geprägt war, markiert „Berati“ einen bewussten Schritt nach vorn: Die Band hat sich als Klangkörper weiterentwickelt – ein lebendiger Organismus, der sich in Tempo, Dynamik und Klangfarben schillernd und facettenreich ausdrückt. „Wir atmen gemeinsam, und es entstehen jetzt ganz neue Farben“, sagt die Bandleaderin Athina Kontou. Besonders deutlich wird das im Titeltrack „Berati“, an dem die Musiker:innen intensiv gearbeitet haben, um komplex-repetitive Strukturen zu finden, die weder klassische Jazzform noch bloße Wiederholung sind: Schlichte Linien fließen ineinander, lösen meditative Rhythmen ab und spannen einen beinahe unendlichen Bogen, den Dominik Mahnig am Schlagzeug mit immer wieder neuen Texturen untermalt. Wie ein Mantra wiederholt Luise Volkmanns Saxofon eine prägnante Melodie, die die Band mit eigenen Rhythmen und Schattierungen unterstützt. Aus der Vielstimmigkeit entwickelt das Stück ein ganz eigenes Metrum bevor es am Ende in wilde Ausgelassenheit gleitet.

Musiktraditionen aus Nordgriechenland, Armenien und Kreta haben auf diesem Album Platz. Sie treffen auf feinfühlige Improvisationen, drei Eigenkompositionen Kontous und die individuellen musikalischen Hintergründe der Bandmitglieder. Die Musiker:innen von Mother greifen die verschiedenen Klangwelten auf, erkunden sie und formen aus ihnen mit ihrem eigenen Bandwissen neue musikalische Formen, wie ein eigenes Zuhause. Ein wichtiges Element dabei ist das präparierte Klavier des neuen Bandmitglieds Julius Windisch, das den Klang der Band erweitert und verdichtet. „Es geht nicht darum, einfach Noise zu machen – sondern eine Geräuschwelt zu schaffen, die mit den Melodien korrespondiert“, so Kontou. „Es ist Geräusch, aber es ist lyrisch. Es ist nicht Free-Jazz, sondern es trägt starke Melodien.“ Gerade diese Verbindung verschiedener kultureller und musikalischer Perspektiven prägt die Arbeitsweise von Mother: Nicht entweder oder, sondern ein schöpferisches Dazwischen.

Unterstützt wird das vierköpfige Ensemble auf „Berati“ dabei von zwei Gastmusiker:innen: dem deutsch-kurdischen Bağlama- und Lavta-Spieler Koray Berat Sari, der bereits auf dem ersten Album mitgewirkt hat, und der Sängerin Erini. Sie ist auf Kreta aufgewachsen, lebt mittlerweile in den USA und hat im Januar 2026 mit Mother in Köln zwei Lieder aufgenommen: Das traditionelle Rizitiko „Inta ’hete Gyrou Gyrou“ in kretischem Dialekt war ursprünglich nur Männern vorbehalten. Es erinnert daran, sich der Vergänglichkeit des Lebens bewusst zu sein. In „Ithaka“, einer Komposition von Athina Kontou, interpretiert Erini Ausschnitte aus dem berühmten gleichnamigen Gedicht von Konstantinos Kavafis. Die Reise des Odysseus zu seiner Heimatinsel wird zu einem universellen Bild für das menschliche Leben: Nicht allein das Erreichen eines Ziels ist entscheidend, sondern die Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnisse, die wir auf dem Weg dorthin sammeln.

Wie die Blätter einer Blüte sich langsam öffnen, so entfaltet sich aus einer lyrischen Saxofon-Weise langsam die rhythmische Melodie von „Shoror“, einem traditionellen Tanz aus der Volksliedsammlung von Komitas Vardapet, der als Begründer der armenischen klassischen Musik gilt. Die Geschichte der Armenier:innen und Griech:innen im Osmanischen Reich ist eng miteinander verwoben – auch diese historischen Verflechtungen spiegeln sich im Repertoire von Mother.

„Berati“ ist deshalb auch ein Album über Mehrfachzugehörigkeit. Die Musik von Mother schafft einen Raum, in dem Zwischenräume nicht aufgelöst werden müssen, sondern produktiv werden. Traditionen werden nicht als unveränderliche Objekte betrachtet, sondern als lebendige Formen, die durch neue Begegnungen weitergetragen werden. „Berati“ erzählt von Reisen zwischen Ländern, von Menschen und von Erinnerungen, die sich verändern und weitergetragen werden. Es ist ein Album über Herkunft und Zukunft, über die Schönheit des Dazwischen und über die Möglichkeit, aus vielen verschiedenen Fäden etwas Eigenes zu weben.

www.athinakontou.com

NWOG Records  nwog075   LC 77779    4015698777031

Vertrieb: Indigo/Kontor

 

VÖ: 6.11.2026

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