Ausfahrt – That’s A Trap

Jazz-Grunge: weit mehr als nur die Verbindung von Jazzimprovisationen in der Ästhetik des 90er Jahre Grunge-Rock.

Christina Zurhausen und ihre Band haben einen eigenen Stil und ein Gespür für moderne Jazzmusik jenseits des Genrebegriffs entwickelt.

Das dritte Studioalbum des Kölner Quartetts Ausfahrt um die Gitarristin Christina Zurhausen präzisiert gekonnt das eingeschlagene Genre „Jazz Grunge“. Dabei entsteht weit mehr als nur die Verbindung von Jazzimprovisationen in der Ästhetik des 90er Jahre Grunge-Rock. Die Produktion klingt größer, das Zusammenspiel virtuoser und die Kompositionen tiefgründiger als auf den bisherigen Alben der Band.

Ein harter Ritt steht mit „Follow Your F***ing Dreams“ am Anfang der Reise. Ein brachiales Gitarrenriff, gepaart mit einer zweistimmigen Melodie von Saxophon und Bass, führt durch das Stück und die ersten Soli zeigen sofort den erweiterten Horizont der Band, die auch vor verrückten Sounds und Thrashmetal-Eskapaden nicht zurückschreckt.

Ein kurzes Gitarrensolo Stück mit transzendentalen Klängen folgt, als eines von insgesamt drei Stücken dieser Art, strategisch in der Reihenfolge platziert, um die größeren Nummern logisch miteinander zu verbinden.

Dass sie nicht nur wild können, zeigt die Band mit „They Care and They Don’t Care“. Eine melancholische Odd-Meter-Ballade mit einem emotionalen Finale, das die Kraft und Schönheit der von Zurhausen komponierten Melodien offenbart. Der Songtitel deutet auch auf den kritischen Unterton in der Musik der Band hin, ebenso wie der folgende Song „I Don’t Want To Flirt With You“.

Klangmalerisch präsentiert sich dieser Song mit einem rockigen Riff des Basses und gleichzeitig eingängigen, doch sich ständig verändernden Linien von Saxophon und Gitarre. Der Song ähnelt einem typischen Rocksong mit erkennbarer Strophe und Refrain, kommt aber beim Soloanfang überraschend zum Stillstand. Nach diesem Teil, den man schon als Doom-Jazz bezeichnen könnte, mit langsamen Phrasen wie im luftleeren Raum, rollt das Riff wieder an und gleitet mit einem fetten Gitarrensolo in einen wilden, letzten Refrain.

Die Single „Too Little Too Late“ wartet mit einem cleveren Arrangement auf. Ein verschachtelter Rhythmus vom Schlagzeug mit klaren Einsen vom Bass bildet den Teppich für eine elegische Melodie, die mit getragener Schwere von Saxophon und Gitarre vorgetragen wird. Eine Stimmung, die jäh durchbrochen wird von nervösen Unisonolinien, die sich gegen Ende des Stückes nach einem stimmungsvollen Gitarrensolo zu einem eigenen Riff mit einem exzellenten Saxophonsolo von Yaroslav Likhachev etablieren.

„Pretending“ huldigt dem in der Rockmusik der 90er Jahre häufig verwendeten „Leise-Laut-Arrangement“ in verschiedenen Songteilen, vom leisen Basssolo von Torben Schug bis hin zu Chaos und Blastbeats.

Mit dem Titeltrack des Albums liefern Ausfahrt das beste Beispiel, um dem Hörenden den Genrebegriff „Jazz Grunge“ näher zu bringen. Es klingt, als hätte man ein von Bandleaderin Christina Zurhausen grandios gespieltes Nirvana-Gitarrenriff mit den Stilmitteln der modernen Jazzkomposition samt Odd-Meter neu angereichert, ohne auf der Rockseite den treibenden Beat und auf der Jazzseite die interaktiven Improvisationen, inklusive eines dreiminütigen Schlagzeugsolos von Ramon Keck, zu vernachlässigen.

Nach einem freien Improvisations Ausflug in „Kiss Me Like You Miss Me“ mit avantgardistischen Farben aller Beteiligten folgt das nach einem Goethe-Gedicht benannte „Eins und Alles“. Ein eingängiges Thema mit vielen Taktwechseln bildet den Auftakt zu zwei längeren Soli, das eine sphärisch und effektvoll von Gitarre und Bass gestaltet, das andere in großem Crescendo vom Saxophon geführt, mit einem epischen Finale, bei dem Likhachev vor lauter Energie die Puste auszugehen scheint, ein Highlight.

Mit „Green Washing“ liefert die Band einen musikalischen Kommentar zu einem wichtigen Thema und schafft eine nachdenkliche Stimmung, während das nach einem Hund benannte „Argo“ ganz andere Töne anschlägt. Über einem vom Hip-Hop-Produzenten Dilla inspirierten Beat erklingt ein minimalistisches Thema, das sich mit Zurhausens stimmigem Gitarrensolo zu einem fast schon Latin typischen Rhythmus entwickelt und in einem furiosen Schlagzeugsolo mündet. Eine weitere Farbe in Zurhausens breitem Kompositionsspektrum.

Nach dem letzten solistisch interessanten Klangtrip „Not Where I Want To Be“ erklingt mit „Go With The Flow“ die einzige Coverversion des Albums. Eine bisher unveröffentlichte Instrumentalversion mit genialen Gitarren- und Saxophonsoli, ursprünglich von der Stoner-Rock-Band „Queens Of The Stone Age“, deren Album „Songs for the Deaf“ als großer Einfluss von Ausfahrt gilt.

Das letzte Stück schließlich ist eine Hommage an Sonic Youth. Eine extreme Soundwand der Gitarre schafft die Atmosphäre für ein jazziges Saxophonthema und eine kollektive Improvisation, die langsam und stetig vom Rockgroove in eine freie, drone-artige Klangcollage driftet und mit einem langgezogenen, verzerrten Gitarrenakkord endet, der dem Hörer die Gelegenheit gibt, über die vielen Eindrücke der Platte nachzudenken, bis der letzte Ton verklungen ist.

Seit Miles Davis mit „Bitches Brew“ den Grundstein für den Jazzrock gelegt hat, sind viele spannende Fusionen zwischen Jazz und Rock entstanden. Mit der Fokussierung auf den Grunge-Rock und die generelle Ästhetik der frühen 90er Jahre schafft sich Ausfahrt hier dennoch ein Alleinstellungsmerkmal. Dass dies nicht bedeutet, dass es bei Ausfahrt immer nur rau zugeht, sondern auch große Melodien und ruhigere Töne ihren Platz finden, zeigt, dass Zurhausen und ihr Ensemble in den fast 10 Jahren ihres Bestehens einen eigenen Stil und ein hervorragendes Gespür für gute moderne Jazzmusik jenseits des Genrebegriffs entwickelt haben. In der breiten Landschaft der deutschen Jazzszene hat sich Ausfahrt mit dieser musikalischen Mischung eine eigene Nische geschaffen und diese bereichert.

Christina Zurhausen homepage

NWOG Records / nwog 060 /  LC 77779 / 4015698503616 / Vertrieb: Indigo/Kontor

 VÖ: 30.08.2024


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