Britta Rex Madame Pele Project – She Who Shapes The Land

Britta Rex – vocals

Barbara Jungfer – guitar

Clara Däubler – bass

Eddie Filipp – drums

Lindsay Lewis, Sandra Gantert, Melanie Germain – vocals

Madame Pele, die mächtige hawaiianische Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane als treibende Energie hinter diesem Album. Britta Rex sucht diese wilde Energie und wir hören wie das Material arbeitet und glimmt. Dieses Album beschreibt gleichermaßen eine Utopie wie auch ein Refugium.

 

Eine große Stimme ist ein Geschenk. Doch selbst wenn man über besondere vokale Voraussetzungen verfügt, bedarf es doch auch der Fähigkeit, des Willens und nicht zuletzt des Selbstvertrauens, sie in ein expressives Medium zu transformieren, mit dem man nicht nur Melodien, sondern auch Texte und nonverbale Gefühlszwischenräume ausdrücken kann. Dass die Braunschweigerin Britta Rex über all diese Gaben verfügt, hat sie bereits auf mehreren Alben bewiesen. Umso überraschender ist es, wenn sie nun auf ihrer neuen Platte „She Who Shapes The Land“ mit dem ihr gegebenen Instrumentarium in ganz neue Sphären aufbricht.

Hat man Britta Rex bislang auf eine Sängerin und Songpoetin reduziert, entpuppt sie sich auf der neuen Platte als Schamanin, Vokal-Philosophin, mentale Tiefseetaucherin und psychoakustische Himmelsstürmerin. Sie singt nicht einfach nur, sondern inszeniert das Mysterium Stimme als Theater der Expressionen. Dem Album geht eine lange Geschichte voraus. In einer nicht allzu weit zurückliegenden Phase des kompletten gesellschaftlichen Stillstands sagte sich die beherzte Vokalistin: Es muss etwas passieren! Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf ihrem Vorgängeralbum „On Air On Water“ ging es dem Titel entsprechend um die Elemente Wasser und Luft. Unter dem Druck der Ereignisse oder eben der bedrückenden Last der Nicht-Ereignisse sollte es diesmal um die Komponenten Feuer und Erde gehen. Die Energie, die sie suchte, fand sie in Madame Pele, der mächtigen hawaiianischen Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane. Aus diesem Bekenntnis resultierte dann die nächste Entscheidung. Es sollte ein Projekt mit Frauen werden. „Es ging auch um Wut“, erinnert sich Britta Rex. „Ich bin gern ein wütender Mensch. Ich spüre in mir diese Energie. So warf ich all diese konzeptionellen Zutaten in einen Topf und versuchte, mein Innerstes zu ordnen. Madame Pele steht ja für wilde Energie, und ich suchte nach dieser Wildheit in mir selbst. Man muss manchmal Dinge loslassen und auch zerstören, damit etwas Neues entstehen kann. Wenn man auf diese Weise die Komfortzone verlässt, macht man sich natürlich auch verletzlich. Ich sagte mir, wenn es mir selbst so geht, kann das vielleicht auch anderen Menschen Inspiration oder zumindest eine Projektionsfläche geben.“

Dieser Wille, den Britta Rex hier zum Ausdruck bringt, mündet in ihren Songs in eine unbeschreibliche Kraft. Da ist eine innere Wucht, die mit aller Macht etwas nach draußen katapultieren will und nach den entsprechenden Kanälen sucht. Ihre Songs ergießen sich wirklich wie Lavaströme über das staunende Ohr, aus denen wiederum mit berstender Schöpfungskraft genuin Neues entsteht. Ihre und die Gesänge des Madame Pele Projects klingen gleichermaßen verstörend und heilsam. Sie öffnen tiefe Spalten im Urgestein der Wahrnehmung, aus denen komplett Unerhörtes und zugleich archaisch Vertrautes sprießt. In diesem Sinne wird sie dem Albumtitel „She Who Shapes The Land“ mehr als gerecht, denn dieses Album beschreibt gleichermaßen eine Utopie wie auch ein Refugium.

Diese Kraft beruht nicht zuletzt auf dem Umstand, dass die Musikerinnen es mit vielen Unbekannten zu tun hatten. Ein Großteil der Stücke existierte zum Zeitpunkt der Aufnahme nur fragmentarisch. Zudem hatten Britta Rex, Gitarristin Barbara Jungfer, Bassistin Clara Däubler, die Vokalistinnen Lindsay Lewis, Sandra Gantert und Mélanie Germain sowie der einzige Mann im Ensemble, Schlagzeuger Eddie Filipp noch nie in dieser Konstellation miteinander gespielt. Unter dem Druck der Tatsache, dass sie für das gesamte Unterfangen nicht mehr als ein Wochenende Zeit hatten, entpuppte sich die Session tatsächlich als schöpferischer Vulkanausbruch. Tücken der deutschen Bahn taten ein Übriges, um diesen Druck zu erhöhen.

Gerade dieses bedingungslose gegenseitige Einlassen ohne jeglichen Drang zum Perfektionismus öffnet imaginative Zwischenräume, die man im Jazz der Gegenwart nur selten hört. Die Idiome der sieben Beteiligten drücken gegen einander, ziehen und schieben sich, überlappen und vereinen sich und stoßen einander ab. Es ist eine permanente Energieübertragung von einem Aggregatzustand in den anderen. Man kann als Hörer geradezu mit den Händen greifen, wie das Material arbeitet, sich reibt, glimmt. Das Organische trägt den Sieg über das Kalkulierte davon. Auch beim Mix vertraute Britta Rex auf ihr gesundes Gefühl für Chaos, statt alles bis ins letzte Detail auszutarieren. Doch der Prozess war bis zum letzten Augenblick von Schmerz und Zweifel begleitet. Reicht es, dem Augenblick zu vertrauen, auf die Gefahr hin, am Ende nicht mehr dazu stehen zu können? Sie setzt voll auf Risiko und trägt den Sieg davon.

So simpel es klingt, jedes Naturereignis ist das Ergebnis einer langen kausalen Kette von Ursachen und Wirkungen, die wiederum am Anfang einer ebenso langen Wirkungskette steht. Es gibt nur wenige Alben in der gesamten Jazz-Geschichte, auf denen dieser Prozess derart transparent auf die Hörenden übertragen wird wie auf „She Who Shapes The Land“.

 

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Cattitude Records / LC 00020 / 4020796504304 /

Vertrieb: bandcamp/brittarex.de

 VÖ. 21.8.2026

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