Carl Wittigs Aurora Oktett – Perspective Suite

Ein Debüt – und dabei schon ziemlich faszinierend

Die europäische Jazzlandschaft wird nicht nur immer bunter und innovativer, sondern spiegelt mehr denn je den Wunsch junger Musiker*innen wider, stilistische Grenzen zu überschreiten. Die Arbeit des Aurora Oktetts leistet hierbei hörbar einen essenziellen Beitrag.

Mit seinem 2016 gegründeten Aurora Oktett hat Wittig ein Ensemble gefunden, das sich sowohl im Jazz, als auch in der klassischen Tradition frei bewegt. In einer Reihe vielfältiger Kompositionen zeigt das Ensemble wie frisch die Mischung aus Streichquartett und Jazzquartett klingen kann.

Carl Christian Wittig beginnt seine musikalische Laufbahn zunächst am Klavier, bevor er mit 13Jahren schließlich zum Kontrabass wechselt. Dabei interessiert er sich von Anfang an sowohl  Musik als auch für Improvisation. Noch bevor er an der HMT Leipzig beginnt klassischen Kontrabass zu studieren, gewinnt er bei Jugend Jazzt mit seiner Band moment`s concept den Studiopreis des Deutschlandfunks. Für ein Semester wechselt er an die HSLU Luzern um bei Ed Partyka und Nils Wogram Komposition zu studieren. Kurz darauf wird er Mitglied im Bundesjazzorchester unter der Leitung von Prof. Jiggs Whigham und Prof. Niels Klein. Sein kompositorisches Interesse führt für ihn notwendigerweise zur Gründung einer größeren Besetzung.

Er erzählt: ‚Ich will Musik machen, die viele unterschiedliche Klangfarben und Strukturen miteinander verbindet, und die Arbeit mit einem größeren Ensemble hat mich hierbei total gereizt. Eine wichtige Inspiration für das Aurora-Oktett war Nils Wograms Album ‚Riomar‘. Mit ihren schillernden Streichersätzen und lyrischen Improvisationen hat sie für mich auf eine sehr charmante Art die feinen klassische Klänge mit dem eher coolen Bandsound von Root 70 verbunden. Ich selber lege jetzt den Fokus meinem Gefühl nach mehr auf die Konzeption und auf Kompositionen, die Streicher und Quartett schlüssig verbinden und verschmelzen lassen. Ein Streichquartett und eine Jazzquartett zu verbinden ist auch sehr autobiographisch beeinflusst. Das sind zwei Pole, in denen ich mich total zuhause fühle.‘

Bei der Gründung des Ensembles schöpft Carl Christian Wittig aus den zahlreichen Kontakten, die er während seiner Zeit im Bundesjazzorchester und im Studium gewonnen hat und findet mit Ada Maria Schwengebecher (Violine), Anna Prysiaznik (Violine), Marie Schutrak (Viola), Franziska Ludwig (Cello), Matti Oehl (Saxophon), Pascal Klewer (Trompete) und Tom Friedrich (Schlagzeug) kongeniale Partner*innen.

Fast prophetisch klingt Wittigs Zusammenfassung seiner Kompositionen: ‚Der Grundgedanke des Albums ist, das Leben und die damit verbundenen Probleme aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich stelle mir gerne vor wie es wäre, die Welt vom Mond aus zu sehen. Dieses Gefühl über den Dingen zu stehen, auf sie drauf schauen zu können gefällt mir. Gerade wenn ich mich unsicher fühle, hilft mir dieser Gedanke.‘

Musik also, die sich sowohl mit Haltlosigkeit beschäftigt, als auch tröstende Momente bereithält. Dabei ist für den Ensembleleiter Carl Christian Wittig die Annäherung von Klassik und Jazz von zentraler Bedeutung. An vielen Stellen des Albums hört man die hingebungsvolle Begeisterung für klassische Streichquartett-Klänge. Die große Qualität der Musik wiederum ist es, darüber hinauszuwachsen. Wittig sagt: ‚Ich habe während meines Studiums an der HMT Leipzig die Erfahrung gemacht, dass klassische  Musiker*innen nur selten mit Improvisation in Berührung kommen, obwohl sie durchaus daran interessiert sind. Ich hatte Lust gemeinsam mit ihnen herauszufinden, wie man Improvisation in ihr Spiel integrieren kann.‘

Im an Béla Bartóks musikalische Sprache erinnernden Stück ‚Circles End‘ hört man beispielsweise, wie die Cellistin Franziska Ludwig Experimentierfreude undPoesie in der eigenen Improvisation vereint. Gerade in dieser geschickt tarierten Balance von durchdachten Kompositionen und der Freiheit der Improvisationen gewinnt das Album seine große Lebendigkeit.

Exemplarisch dafür steht auch „Placed Displaced“ erklärt Carl Christian Wittig: ‚Dieses Stück erzählt von der Vorstellung, wie von fremder Hand in eine Welt platziert worden zu sein. Dadurch fühlt man sich unsicher, erkundet, versucht sich zurechtzufinden und sich irgendwie einen Überblick zu verschaffen.‘ Aus einer improvisierten Klangfläche der Streicher heraus, die sowohl an Werke György Ligetis als auch Morton Feldmans erinnert, entspinnt sich zwischen Saxophon, Trompete und Kontrabass ein lyrischer Dialog. Der suchende Ausdruck der Haltlosigkeit mündet elegant in einer Ensemble-Passage.

Michael Wollny sagt anerkennend: „Ein klug geschriebenes und detailreich konzipiertes Debüt, elegant und offen musiziert!“

nWog 038 / LC 77779 / 0042706597491 / Vertrieb: EDEL

VÖ: 28.01. 2022

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