Giacomo Smith – Artfullee

Giacomo Smith nennt es Nachtmusik.

Jazz aus dem Moment heraus, reif und nachdenklich

 

ARTFULLEE ist ein Album, das ganz aus dem Moment heraus entstanden ist – voller Musik, die ihre natürliche Form während des Spiels findet. Giacomo Smith brachte sechs eigene Kompositionen mit ins Studio, allerdings ohne Noten oder ausgeschriebene Arrangements. Stattdessen vermittelte er der Band die Grundzüge der Stücke nach Gehör. Die Idee war, so wenig Vorgaben wie möglich zu machen und stattdessen dem gegenseitigen Vertrauen der Musiker Raum zu geben. „Jeder reagiert im selben Moment auf das, was gerade passiert“, erklärt Smith.

Für Smith trifft diese Arbeitsweise den Kern dessen, worum es im Jazz geht: Musiker nutzen ihre Energie und Aufmerksamkeit, indem sie einander zuhören, anstatt auf ein Blatt Papier zu schauen. „Wenn man Noten zu einer Jazzaufnahme mitbringt, wird aus der Session etwas anderes“, sagt er. Eine Partitur kann den Fokus weg von dem lenken, was gerade im Raum entsteht, und hin zu dem, was auf dem Papier steht. Wenn versierte Improvisatoren stattdessen ihren Ohren vertrauen, kann die Musik ihrem eigenen Weg folgen – und nimmt die Zuhörer dabei mit.

Sowohl Giacomo Smiths Lebensweg als auch seine Musik haben ihn um die ganze Welt geführt. Geboren im italienischen Rossano Calabro, wuchs er in New York auf, studierte in Kanada und Boston und lebt heute in London, wo er zu einer prägenden Persönlichkeit der florierenden Jazzszene der Stadt geworden ist. Mit fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, mit zehn kam die Klarinette hinzu, einige Jahre später das Saxofon. Zum Jazz fand er über Aufnahmen, darunter die des Dave Brubeck Quartetts mit dem Saxofonisten Paul Desmond und dessen Welthit Take Five. Sowohl das Stück als auch das Quartett gehören bis heute zu seinen Favoriten.

Seine musikalischen Interessen entwickelten sich parallel in den Bereichen Jazz und klassische Musik. 2009 schloss er an der Boston University sein Bachelorstudium in Musik ab, 2011 folgte ein Masterabschluss in klassischer Klarinette an der McGill University. Anschließend zog er nach London und nahm zunächst einen Bürojob an. 2013 entschied er sich jedoch, professioneller Jazzmusiker zu werden. Pläne für eine Rückkehr in die USA waren damit vom Tisch.

Als junger New Yorker hatte Smith seine Heimatstadt als das natürliche Zentrum des Jazz betrachtet. Doch seine Zeit in London veränderte seine Perspektive. „Als ich nach London kam, war ich erstaunt, wie groß und lebendig die Jazzszene hier war … und in Europa ganz allgemein“, erinnert er sich. Selbst nach 15 Jahren in Nordamerika beeindruckte ihn die Größe und Vitalität der europäischen Jazzgemeinschaft – und bestärkte ihn darin, in Großbritannien zu bleiben.

Seitdem hat sich Smith sowohl als Klarinettist und Saxofonist einen Namen gemacht als auch als treibende Kraft hinter der Kansas Smitty’s House Band in London. Die Band trug dazu bei, die klassische Jazztradition mit einem zeitgenössischen Sound voller Energie und Spontaneität neu zu beleben.

Seinen eigenen Zugang zur Tradition der Jazzklarinette musste Smith zunächst selbst finden – und er führte nicht über die großen Namen, die gewöhnlich mit diesem Instrument verbunden werden. Als junger Musiker fiel es ihm schwer, sich mit den populären Klarinettisten der Swing-Ära zu identifizieren. Ihr Spiel erschien ihm leicht und verspielt, während er nach etwas Schwererem und Seelenvollerem suchte, mit dem Blues als Fundament – oder, wie er es ausdrückt, nach einem Klang, „bei dem man wirklich Spucke und Sägemehl hört“. Das änderte sich schlagartig, als er den Gitarristen Django Reinhardt und den Klarinettisten Hubert Rostaing entdeckte. In Rostaing hörte er erstmals einen Klarinettisten, der das tiefe Register des Instruments nutzte und einen warmen, erdigen Klang mitbrachte, zu dem Smith unmittelbar einen musikalischen Zugang fand. „Es war eine Offenbarung“, erinnert er sich.

Auf dem Album spielt Smith Sopransaxofon, Altsaxofon, Klarinette und Bassklarinette. Seine große stilistische und klangliche Bandbreite auf verschiedenen Holzblasinstrumenten ermöglicht es ihm, für jedes Stück genau das Instrument zu wählen, das dessen Charakter am besten entspricht. Dennoch bleibt die Klarinette seinem Herzen am nächsten.

Smith begegnet der Geschichte des Jazz mit großem Respekt, verbindet diesen aber mit einer kreativen Neugier, die jedem Stück erlaubt, seinen eigenen Weg zu gehen. Für ihn ging es im Jazz immer darum, die Musik lebendig, offen und in Bewegung zu halten. Mit jeder Generation wird die Geschichte des Genres gewürdigt, neu interpretiert und mit frischen Ohren und neuer Energie zum Leben erweckt.

Diese Haltung steht auch im Zentrum von ARTFULLEE – und vielleicht zeigt sie sich nirgends deutlicher als in Smiths Zusammenarbeit mit dem in Norwegen geborenen und in Kopenhagen lebenden Schlagzeuger, Komponisten und Bandleader Snorre Kirk. Als Kirk Smith 2018 zum ersten Mal hörte, war er sofort von dessen Spiel beeindruckt. Er erkannte einen musikalischen Seelenverwandten und jemanden, mit dem er nicht nur spielen, sondern für den er auch Musik schreiben wollte. Nach einer pandemiebedingten Unterbrechung wurde Smith festes Mitglied von Kirks gefeiertem Quartett und ist auf dessen beiden jüngsten Alben zu hören.

Smith hat inzwischen mehr als hundert Konzerte mit Kirks European Quartet gespielt, wobei Snorres Kompositionen stets den Ausgangspunkt bildeten. Doch wie der Holzbläserspezialist sagt: „Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, ein Album mit meiner eigenen Musik aufzunehmen.“ Für diese Aufnahme versammelte er dieselben musikalischen Weggefährten: Kirk am Schlagzeug, den dänischen Bassisten Anders Fjeldsted sowie den britischen Pianisten und musikalischen Freigeist Joe Webb – eine musikalische Familie, die längst zusammengewachsen ist.

ARTFULLEE ist Smiths zweites Album unter eigenem Namen, nach seinem Debüt MANOUCHE aus dem Jahr 2025. Dieses Album war eine Hommage an die Tradition Django Reinhardts und entstand gemeinsam mit dem legendären Roma-Gitarristen Moses Rosenberg. Während MANOUCHE eng an dieser Tradition blieb, ist ARTFULLEE Smiths erstes wirklich eigenständiges Statement als Bandleader eines klassischen Straight-Ahead-Jazzquartetts.

Das neue Album versammelt sechs eigene Kompositionen sowie ein Stück von Duke Ellington. Als Ganzes wirkt es atmosphärisch und melodisch, geprägt von Offenheit und einem stärkeren Fokus auf Stimmung und Präsenz als auf technische Perfektion. Vieles von Smiths früherer Musik war nach außen gerichtet und energiegeladen; dieses Album zeigt eine reifere und nachdenklichere Seite seiner musikalischen Welt. Viele der Stücke besitzen eine dunklere, intimere Qualität.

Smith beschreibt ARTFULLEE als Nachtmusik – inspiriert von den vielen Stunden, die er mit Arbeiten und Reisen verbringt, ebenso wie von der nachdenklichen Einsamkeit, die auf der Heimfahrt nach einem Konzert entstehen kann. Für ihn trägt die Musik eine Art nächtliche Romantik in sich – eine Formulierung, die dem Album durchaus auch als poetischer Titel hätte dienen können.

Das Album wirkt zu keinem Zeitpunkt wie eine Demonstration von vier hochkarätigen Musikern. Stattdessen erlebt man eine Begegnung von Menschen, die einander so gut kennen und vertrauen, dass sie bereit sind, gemeinsam loszulassen. Smiths Melodien bilden den Ausgangspunkt, doch die Musik nimmt erst im Studio ihre endgültige Gestalt an – ein persönliches, erfüllendes zweites Album eines sich stetig weiterentwickelnden, weltweit reisenden Holzbläsers auf der Höhe seines Könnens, umgeben von seiner musikalischen Familie.

Mit ARTFULLEE lädt Giacomo Smith in seine helle Nacht ein – einen Ort, an dem Melodie, Atmosphäre, Freundschaft und Improvisation die Freiheit bekommen, ihre eigene natürliche Form zu finden.

 

 

ARTFULLEE / MINNOW GAMES / LARGO MONTEBELLO / TAKE OFF MAKE OFF /
REFLECTIONS IN D / THE ROUND TOWER / TWO FOR NO MORE.

Giacomo Smith: Alto saxophone, soprano saxophone, clarinet, bass clarinet.
Joe Webb: Piano. Anders Fjeldsted: Bass. Snorre Kirk: Drums.

CD: STUCD 26062, LP: STULP 26061 Giacomo Smith Quartet, Artfullee, Stunt Records, Sundance Music ApS.

STUNT (CD: STUCD26062, LP: STULP26061)

663993260624

Vertrieb: inakustik/The Orchard

     Released on LP, CD and digital


VÖ: 16.10.2026

Fotos I Cover