Hendrik Eichler’s Manic Anomaly – Nova Celestia
Musik, die aus dem Rhythmus heraus gedacht ist und an die Fire Music der Sechziger- und Siebzigerjahre anknüpft. Eine interstellare Jazz-Odyssee voller Energie, rhythmischer Komplexität und klanglicher Grenzüberschreitungen.
Space-Geräusche, Sprachsamples, die eine Anomalie ankündigen, eine Reihe Klavier-Bassdrum-Schläge, und dann hebt dieses Album auch schon in Höchstgeschwindigkeit ab, um in unendliche Weite hinauszufliegen. Der Opener „Calling Anomaly“ zeigt, wohin die Reise geht und mit welchem Tempo. Das Klavier spielt Cluster, die Gitarre dreht virtuos frei, das Saxofon wartet geduldig, bis es dran ist, und bläst dann alles um. Aufbauen, einreißen, immer im Wechsel, und es ist schon mal ein kleines Wunder, dass diese Musik nie chaotisch wirkt, auch wenn zumeist mindestens sechs Dinge gleichzeitig passieren. Sondern immer hochkonzentriert, verdichtet und vor Ideen überbordend.
Aber von Anfang an: Nova Celestia ist das Debütalbum von Manic Anomaly, dem Projekt des Schlagzeugers Hendrik Eichler. „Nova“ bedeutet „neu“, „Celestia“ lässt sich mit „himmlisch“ oder „zum Himmel gehörend“ übersetzen. Und das trifft es sehr gut. Zwar veröffentlichte er bereits 2019 ein Soloschlagzeugalbum, das jedoch deutlich stärker improvisatorisch geprägt war. Erst mit Nova Celestia tritt Eichler als Bandleader und Komponist einer eigenen Band in Erscheinung: das erste Werk mit Bandkompositionen, und es hat etwas Himmlisches.
Mit Science Fiction hat die Musik auch im übertragenen Sinne zu tun. Sie ist ausgehend von Eindrücken, Farben, Bildern und Filmbildern und -sounds komponiert: „Diese ganzen Weltraumwelten entsprechen ziemlich genau dem, was ich beim Komponieren innerlich sehe“, erzählt Hendrik Eichler; synästhetische Musik. Oder auch: Sieben Stücke als Space-Jazz-Odyssee, durchkomponiert und frei gespielt zugleich. Die sieben Stücke sind als Stationen einer interstellaren Reise gedacht: vom ersten Ruf des Unbekannten über Zwischenstopps in fremden Welten, Begegnungen mit rätselhaften Anomalien bis hin zu Momenten der Verdichtung, des Kontrollverlusts und der Transformation.
Manic Anomaly spielt Musik, die aus dem Rhythmus heraus gedacht ist. Nicht in dem Sinne, dass sich ein Bandleader mit seinem Instrument, dem Schlagzeug, in den Vordergrund drängen würde. Eichlers sowohl filigranes und kleinteiliges wie auch kraftvolles Spiel fügt sich homogen in den Bandsound ein. Aber in dem Sinne, dass alle Instrumente hier vor allem und gewissermaßen als Rhythmusinstrumente gespielt werden. Klavier, Saxophon, Bass und Gitarre spielen natürlich Melodien, und viele von ihnen fräsen sich trotz der immer wieder hohen Geschwindigkeit sofort ins Ohr. Vieles an den Stücken ist in rhythmischen Mustern organisiert, aus denen die Melodien gleichsam hervorgehen; alle Instrumente teilen Schläge aus, oft und gerne in krummen, ineinander verschachtelten Mustern und Takten. Die dann aber so ineinandergreifen, dass am Ende alles zusammengenommen ungemein ballert. Daneben stehen jedoch immer wieder offene, atmosphärische Passagen und Stücke, in denen Klangfarben und Raumwirkung in den Vordergrund treten.
Dass Eichler nebenbei als DJ aktiv ist und sich intensiv mit komplexen Drum’n’Bass-Strukturen beschäftigt, überrascht beim Hören nicht. Die Vorliebe für verschachtelte Rhythmen und hohe Energiedichte ist den Kompositionen deutlich anzuhören. Auf dieser Basis können die Musiker*innen, die Hendrik Eichler für dieses Album als
Raumschiffmannschaft um sich versammelt hat, sich maximal austoben. Die Pianistin Kirke Karja ist in der europäischen Impro- und Avantgarde-Szene sehr präsent, auf Nova Celestia organisiert sie frei gespielte Hochgeschwindigkeitsläufe mit rhythmischen Clustern. Teis Semey reißt an der Gitarre die Strukturen immer wieder ein, sein Spiel ist oft dekonstruktiv und bringt einen Punk-Spirit in die Stücke, den man in jazzverwandter Musik nur selten hört. Die Bassistin Louise van den Heuvel verbindet in ihrer eigenen Musik gerne Jazz, Elektronik und Krautrockartiges. Ihr Spiel ist entsprechend untypisch, der Bass bildet nicht einfach eine Basis, sondern steuert eigene Soundwelten bei, gerade in den ambientartigen Stücken auf Nova Celestia (zum Beispiel „Temporal Rift“, „Nova Celestia“ oder „Gargantua“).
Angelika Niescier schließlich gehört ohne Frage zu den zurzeit einflussreichsten europäischen Altsaxophonistinnen, in dem Sinne, dass sie hochkomplexe Kompositionen mit maximaler Intensität verbindet. Durch ihr Spiel schließt die Musik von Hendrik Eichlers Manic Anomaly auch an den Sound der Fire Music der Sechziger- und Siebzigerjahre an. Und durch Kooperationen mit Musiker*innen aus den Jazzszenen von Chicago und Washington (zum Beispiel mit dem Bassisten Luke Stewart, der Flötistin Nicole Mitchell oder der Cellistin Tomeka Reid) auch an den aktuell stilbildenden US-Jazz.
Die Musik auf Nova Celestia hat, bei aller Virtuosität und bei allem Spaß an Science-Fiction- Bildern und Reisemetaphern, etwas Entfesseltes. Man höre zum Beispiel, wie „Alien Hearts“ nach gut einer Minute in ein ausgiebiges Hochgeschwindigkeitssolo ausbricht, um dann in einem ungemein treibenden Stück Rockjazz zu enden. „Diese ungebremste Energie ist für mich das verbindende Element der ganzen Band“, sagt Hendrik Eichler. „Alle haben einen eigenen Charakter und einen eigenen Sound, aber genau diese Energie verbindet uns.“
Vielleicht ist Hendrik Eichler’s Manic Anomaly – Nova Celestia
nicht nur eines der musikalisch interessantesten, ideenreichsten und überraschendsten, sondern auch um eines der unterhaltsamsten und kurzweiligsten Jazz-Debüts der letzten Jahre.
Hendrik Eichler – Drums, Compositions
Angelika Niescier – Saxophone
Teis Semey – Guitar
Kirke Karja – Piano, Synth
Louise van den Heuvel – Bass
Recorded & Mixed by Steffen Lütke
Mastered by Martin Ruch
Design by Knut Schötteldreier
Photo by Katja Lehnen
Recorded at Studio Fattoria Musica, December 2025
Berthold Records CD: BR326049; LP: BR326100 / LC 27984 / 4250647326049 /
Vertrieb: Cargo/Kontor
VÖ: 18.9.2026






