Johannes Metzger Quartet – Frames

Ein dichter Sound, aber immer transparent…und die Ausgeglichenheit der Atmosphäre ist verblüffend. Musik wie ein Bernstein, in dessen lichtdurchfunkeltem Innenleben Figuren eingeschlossen sind, die vor Zeiten eine ganz andere Existenz geführt haben.

Wenn man Freundschaft in Musik übersetzen wollte, dann müsste es in etwa so klingen wie das Album „Frames“ des Berliner Schlagzeugers Johannes Metzger. Tatsächlich verbindet den umtriebigen Drummer mit dem Gitarristen Morten Duun Aarup, Saxofonist Marc Doffey und Bassist Fabian Timm eine lange, enge und letztlich hörbare Freundschaft. Alle vier Musiker sind auf vielfacher Ebene in der Berliner Musikszene aktiv (Morten Duun Aarup derzeit auf Außenposten in New York), fanden ihren gemeinsamen Ausgangspunkt aber während des Studiums am Jazz Institut Berlin. Dieser gemeinschaftlich bestrittene Weg führte nicht nur auf ähnliche musikalische Obsessionen hinaus, sondern – für diese Platte viel wichtiger – auf Wesensverwandtschaft.

Die Aufnahmen zu „Frames“ entstanden im November 2020 unmittelbar vor dem kompletten Shutdown. Erstaunlicherweise führte die Erwartung des unausweichlich Kommenden nicht auf kreative Panik hinaus, sondern auf Gleichmut, Gelassenheit und ein inniges ineinander Verschmelzen. Metzger bezeichnet die Session als schönen gemeinsamen Abschluss, bevor wieder alles dunkel wurde. Und so wurde und wird auf dem Album Licht.

Eigentlich hatte sich das Material für das Album im März 2020 auf einer Tour manifestieren sollen, doch die wurde, wie so viele andere Tourneepläne auch, coronabedingt abgesagt. Johannes Metzger ist jedoch ein unerschütterlicher Positivist, der aus jeder Not eine Tugend zu machen versteht. Er warf die Flinte nicht ins Korn, sondern sagte sich: Jetzt erst Recht! Er fühlte sich motiviert, das Material noch weiter auszufeilen und, was sich nicht auf der Bühne finden konnte, mit umso mehr Augenmaß fürs Studio zu kalkulieren. Der Lebendigkeit der Aufnahme tut das indes keinen Abbruch, denn alle vier Musiker schmeißen sich mit ihrem ganzen Musikantentum und ihrer kompletten Lebenslust in die Songs hinein. „Wegen der fehlenden Konzerte hatten wir uns doch länger nicht gesehen als geplant“, erinnert sich Metzger. „Das hatte bei aller damit verbundenen Problematik den Vorteil, dass wir uns zwar gut kennen, aber jeder von uns in der Zwischenzeit viele neue Sachen aufgesammelt hat, mit denen wir uns gegenseitig überraschen konnten. Das passierte nicht nur auf spielerischer, sondern auch auf persönlicher Ebene.“

Die Ausgeglichenheit der Atmosphäre ist umso verblüffender, als die vier Musiker ein weites Spektrum an Charakteren abstecken. Am deutlichsten wird das an Aarup und Doffey. Der Gitarrist ruht in sich selbst, spricht fast nie, ist Mensch gewordener Stoizismus. Wo immer er auftaucht, ist er der ruhende Pol. Im Gegensatz dazu ist der Saxofonist ein Sinnbild der Extrovertiertheit, das stets in ein und demselben Moment an drei Orten gleichzeitig zu sein scheint. Metzger und Timm stecken unterschiedliche Positionen zwischen diesen beiden Polen ab. Genau diesen weiten Horizont an Charakterbildern und Timbres hatte Metzger im Kopf, als er die Grundstimmung für das Album entwarf. Es spricht für seine psychologischen Fähigkeiten als Komponist und Bandleader, dass die Rechnung voll aufging. Im Rahmen der Kompositionen werfen sich alle vier Musiker Bälle zu. Doffey spielt zuweilen sehr gitarristisch, während Aarup Ideen des Saxofons auf der Gitarre auffängt. Timm und Metzger agieren sehr symbiotisch, sodass jeder von ihnen große Freiräume genießen kann. Metzger selbst trommelt so melodisch, dass sich sein Schlagzeug zuweilen in ein Piano zu transformieren scheint. Man spürt beim Hören nicht nur die Freude am gemeinsamen Spiel, sondern auch das Glück des gegenseitigen Zuhörens.

Der Sound des Albums ist zwar dicht, aber transparent. Manchmal fühlt man sich an einen Bernstein erinnert, in dessen lichtdurchfunkeltem Innenleben Figuren eingeschlossen sind, die vor Zeiten eine ganz andere Existenz geführt haben. Man glaubt, durch die Stücke hindurchhören zu können und bleibt dennoch in ihnen gefangen. Keiner der vier Musiker spielt seine Erzählung gegen die Wand, sondern überall werden Türen, Fenster, Portale und Luken geschaffen, die zum Durchschlüpfen einladen. So kann man zu jedem der Songs immer wieder aus neuer Perspektive Zugang finden.

Die Stücke des Albums an sich sind relativ einfach und nachvollziehbar, um eine größtmögliche spielerische Freiheit im Umgang mit dem Material zu erlauben. „Daher kommt auch der Name Frames“, bestätigt Metzger. „Die Stücke geben einen Rahmen, innerhalb dessen man die Kompositionen relativ frei und unbeschwert tragen kann.“ Im Zentrum jedes Songs steht der Song selbst. So selbstverständlich das klingen mag, ist das im Jazz immer noch die Ausnahme. Metzger, Aarup, Doffey und Timm haben schon Freude am Solo, enthalten sich aber exhibitionistischer Alleingänge und bleiben im Sinne des Albummottos immer erkennbar im Rahmen.

„Frames“ ist ein Heimspiel. Vier Musiker, die einander schon fast alles erzählt haben und doch genau die Dinge in ihrer Musik herausfiltern, die sie noch nicht voneinander wissen. Sich auf diesen Talk einzulassen, ist ein Gewinn für jeden Hörer.

Hey!blau Records / HBL-21107 / LC22792 / 4260314034528 / Vertrieb: Al!ve / Hey!blau (digital)

VÖ: 25.2.2022

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