Kaisers New World  – Nighttrain

Die Klänge oszillieren in einem Miteinander aus Jazz, Groove und Weltmusik, bei dem sich immer neue Entwicklungen ergeben. Einige Passagen transportieren uns beim Hören in einen schummrig beleuchteten Keller, in dem trockener Rotwein fließt und das Rauchen von Zigaretten noch zum guten Ton gehört.

Wer rastet, der rostet. Wer drinnen bleibt, verpasst die Welt. Der Leipziger Gitarrist und Komponist Frank Kaiser hingegen ist und bleibt da draußen auf der Suche. Aufgewachsen im dörflichen Thüringen, zieht es ihn wieder und wieder in die Natur, zum Wasser, zum Wald. Die andere Seite von Frank Kaiser wühlt sich durch die Welt des Geists, des Intellekts. Heraus kommt dabei eine besondere Musik, die mit dem Leben ihres Urhebers eine Einheit bildet. Der Musikwissenschaftler Dr. Adrian Kleinlosen von der University of California beschreibt das wie folgt: „Frank Kaisers Musik ist oft polyphon; die einzelnen Stimmen agieren mitunter unabhängig voneinander bzw. greifen dergestalt ineinander, dass sie sich zu einer komplexen Faktur zusammenfügen. Darin unterscheidet sich die Musik Kaisers von vieler anderer Jazzmusik.“

Frank Kaiser selbst beschreibt seine Musik als „Spielplatz für Erwachsene“. Dieses Bild erklärt sich beim Hören sofort. Kaisers Klänge oszillieren in einem Miteinander aus Jazz, Groove und Weltmusik, bei dem sich immer neue Entwicklungen ergeben. Dabei darf auch gerne mal eine Frage offenbleiben.  Vor gut zwei Jahren hat sich der Leipziger Gitarrist und Komponist erneut auf die Suche gemacht. Neue Sounds mussten her. Mit einer neuen Gitarre war es nicht getan – auch wenn er sich die ebenfalls hat bauen lassen.

Nun kommt Neues vor allem durch Begegnungen in die Welt. Begegnungen von Menschen, von Generationen, von Kulturen.  Aus eben solchen Verschmelzungen ging das Akkordeon-World-Jazz-Quartett „Kaisers New World“ hervor, das mit „Nighttrain“ nun sein Debutalbum vorlegt.

Die Platte ist ein Kaleidoskop für die Ohren geworden. An allen Ecken und Enden glitzern, funkeln und flimmern Einflüsse, Klangfarben und Stile auf. Vor allem aber versteht es das Ensemble um Frank Kaiser eindrucksvoll, mit seinen Aufnahmen Geschichten zu erzählen.

Der Titelsong „Nighttrain“ beginnt mit dem Geräusch eines fahrenden Zuges. Das rhythmische Schnaufen von Achsen und Rädern geht nahtlos über in einen Shuffle-Groove, den Kontrabass und Schlagzeug souverän auf die Schienen legen. Nur ein paar Takte später sitzt man zusammen mit allen Mitgliedern des Quartetts im Abteil. Draußen ist es dunkel, irgendwo nirgendwo. In der Scheibe spiegeln sich nur die Lichter aus dem Inneren des Zugs und niemand weiß, wie spät es eigentlich ist. Die Reisezeit verkürzen sich die Jungs auf ihrem Vierer damit, Geschichten zu erzählen – gemeinsam, sich gegenseitig und den Hörer:innen. Entstanden ist der Song Nighttrain in Corona-Zeiten, als die Arbeit oft bis tief in die Nacht ging und die Sehnsucht nach einer Reise durch alle Ritzen und Lücken kroch. Wie greifbar dieses Gefühl beim Hören wird, ist eine der Stärken des Albums und genau das, was hier mit dem Erzählen von Geschichten gemeint ist. Frank Kaiser beweist als Solist ein feines Gespür für narrative Bögen. Die Kompositionen und Jams auf „Nighttrain“ zeichnen sich  durch ein dynamisches Auf und Ab aus. Mal erhebt die neue Gitarre ihre Stimme, nur um im nächsten Moment in ein leiseres Register zu wechseln, das Hörer:innen Geheimnisse anvertraut. In Passagen voller Action schwellen die Soli wie in Black Mustang an zum angezerrten Schreien eines Bluessängers. Der Sound wird rougher, viele Noten fallen in wenigen Takten. An anderen Stellen erzählt Frank Kaisers Gitarre in lyrischen Melodien von der Weite der Vorstellungskraft. So zum Beispiel in Septomanie, einer fantasievollen Hommage an ein spannungsgeladenes Intervall oder aber in Wellen, in dem sich die Wasseroberfläche polyphone kräuselt.

Neben der Gitarre sticht vor allem das Akkordeon auf „Nighttrain“ heraus. Der aus Sankt Petersburg stammende und heute in Berlin lebende Valentin Butt ist ein Virtuose mit einem klanggewaltigen Facettenreichtum, der schon mit Ute Lemper und weiteren bekannten Größen auf der Bühne stand. Der im Jazz-Bereich eher untypische Sound seines Bajans, der russischen Variante des Akkordeons, fügt sich kongenial in das Ensemble aus Drums, Kontrabass und E-Gitarre ein. In groove-lastigen Passagen – etwa in Black Mustang – nimmt es den Platz einer Hammondorgel ein. Getreu den Regeln guten Erzählens bekommt das Ohr hier etwas Bekanntes, das mit einer ungewöhnlichen Farbe zu überraschen weiß. An anderen Stellen lassen Butt und sein Instrument Reminiszenzen an Welt-Musik anklingen. Zeitweise entfalten sich gar Assoziationen zum Chanson. Einige Passagen in Nighttrain transportieren einen beim Hören in einen schummrig beleuchteten Keller, in dem trockener Rotwein fließt und das Rauchen von Zigaretten noch zum guten Ton gehört.

Gerahmt werden die Geschichten von Gitarre und Bajan von Hans Otto am Schlagzeug und Lukas Growe am Kontrabass. Die beiden Hochschulabsolventen haben bereits internationale Preise abgeräumt und sind genau das aufmerksame Rhythmus-Duo, das Frank Kaiser und Valentin Butt brauchen. Sie sind für „Kaisers New World“ dieser eine Freund, der immer dann aus dem Nichts anruft, wenn der Gesprächsbedarf gerade am größten ist. „Musste heute an dich denken“, weil er es irgendwie gespürt hat. Growe und Otto haben ein souveränes Gefühl dafür, was die Musik gerade braucht.  In 100 Possibilities mit seinen vielen Harmonien und Modulationen halten sie den Laden mit einer tighten Pocket zusammen. In 1001 interpretieren sie die Time flexibler, um die Solisten vorne auf der Bühne perfekt auszuleuchten. Überhaupt gelingt „Nighttrain“ in 1001 ein dramaturgischer Höhepunkt, der – wie sollte es anders sein – erzählerischer Natur ist. Die Künstlerin Karolina Trybala hat als personifizierte Scheherazade einen Gastauftritt und umgarnt einen mit ihrer Interpretation in ihrer Muttersprache Polnisch.

In der Summe ist „Nighttrain“ ein gelungenes Debut, das dank der des tollen Recordings im Berliner Studio „Bonello“ und dem Mastering von Johannes Ziemann und Fabian Koppri fett und voll, aber nie überladen klingt. Die Platte hört sich an, als würden Kaiser, Butt, Otto und Growe direkt im eigenen Gehirn spielen. Wer selbst daran interessiert ist, dem Rost des ewig Gleichen etwas entgegenzusetzen, dem sei „Nighttrain“ von „Kaisers New World“ wärmstens ans Herz gelegt.

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VÖ: 24.2.2023

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