Kathrin Pechlof Trio – Hyperobjekt

Im Grenzbereich der Stille: Die Kunst des Weglassens und die Kraft des Leisen.
Das Kathrin Pechlof Trio zeigt, wie aus minimalen Impulsen maximale Klangräume entstehen.

 

Wie kann man etwas Kleines ganz groß, etwas Leises ganz laut und etwas sehr Intimes absolut umfassend erscheinen lassen? Die Berliner Harfenistin Kathrin Pechlof findet auf ihrem neuen Trio-Album eine Antwort. So einfach ihre Formel auch erscheinen mag, so grundlegend ist sie zugleich. Sie und ihre beiden Kompagnons, Saxofonist Christian Weidner und Bassist Robert Landfermann, lassen Platz. Nicht einfach nur Platz, wie man ihn kennt, sondern viel mehr Space als üblich. Auf den ersten Blick mag das kaum revolutionär anmuten, und doch muss man in der Jazzgeschichte und anderswo lange nach einem Stück Musik suchen, auf dem ähnlich viel Raum gelassen wird. Da können Töne nicht einfach nur entstehen und vergehen, nachhallen und sich transformieren. Man kann förmlich mit Händen greifen, wie sich dieses Flüstern und Klingen aus Gedanken und Bildern heraus manifestiert und sich in puren Raum zurück transzendiert, um etwas zu bilden, das über alle Dimensionen von Wahrnehmung im Augenblick oder Erinnerung in der Zeit hinausgeht. Dieses Hyperobjekt existiert in einem Hyperkontinuum innerhalb von Koordinaten, das sich jeder Messbarkeit entzieht, in dem das Mikro zum Makro und der kleinste Atemhauch zum Orkan wird.

Was hier wie die Quadratur eines semidefinierten Kreises wirkt, fiel dem Trio überhaupt nicht schwer. Das Album braucht keinen konzeptionellen Teppich, sondern es ist einfach die Art und Weise wie Pechlof, Weidner und Landfermann schon immer miteinander kommuniziert haben. Seit dem ersten Konzert der Band am 1. Januar 2011 ging es immer darum, sich gegenseitig, aber vor allem auch dem Hörer Platz zu lassen. Diese Haltung garantiert nicht nur im Gesamtprozess, sondern in der Genese jedes einzelnen Tons eine Nachvollziehbarkeit, die ein großes Geschenk ist. „Jener Raum ermöglicht viele Details“, freut sich die Harfenistin. „Diese Nuancen hörbar zu machen, bereitet uns nicht nur große Freude, sondern entspricht auch unseren Persönlichkeiten. Dafür brauchen wir keine Verabredungen. Keiner von uns Dreien spielt in irgendeinem anderen Zusammenhang so leise wie in dieser Konstellation.“ Mit dieser Herangehensweise erzielt das Trio Effekte, die weit über den unmittelbaren schöpferischen Prozess hinausgehen. Wenn man sich voll auf ganz auf die Tiefenwirkung dieser Musik einlässt, passiert es nicht selten, dass man den eigenen Puls oder Blutkreislauf hört, der unweigerlich wie ein viertes, ordnendes Element auf die Klangräume des Trios zugreift.

Harfenistinnen von Rang lassen sich im Umfeld des Jazz an einer Hand abzählen. Das schafft Freiräume für Individualität. Alice Coltrane, Dorothy Ashby, Carol Emanuel, Zeena Parkins und Brandee Younger – sie alle entwickelten jeweils unverwechselbare Personalstile, und keine von ihnen ließ oder lässt sich auf ein einziges Genre festlegen. Auch Kathrin Pechlof greift auf einen riesigen konzeptionellen Fundus von Stilen und Möglichkeiten zu, der längst keiner Kategorisierungen mehr bedarf. Statt sich in Genreklammern einzurichten, hat sie sich eine filigrane Architektur erspielt, die sich wie eine molekulare Kathedrale aus Lichtwellen über ihren Kreationen erhebt. Kraft der sparsam eingesetzten Dreidimensionalität ihres Instruments braucht sie nur ganz wenige Mittel, um in der Vorstellung des Hörers aus äußerst filigranen Momenten die Klangfülle eines Orchesters zu imaginieren. Für Kathrin Pechlof basiert dieser Effekt jedoch auf einer Kollektivleistung. „Diese drei Instrumente sind ja unheimlich vielfarbig und vielstimmig. Die Harfe sowieso, aber auch Robert spielt auf seinem Bass mit einer Fülle von Klangfarben. Christian wiederum steuert eine ganz andere Palette bei. Uns stehen viele Oktaven zur Verfügung, wir sind uns aber auch unserer besonderen Dynamik bewusst. Am Ende ist das dann auf ganz spezielle Weise orchestral.“

Für Kseniya Kawkos Mix wäre die Vokabel „einfühlsam“ eine geradezu fahrlässige Untertreibung. Mit einer das Äußerste ins Innerste kehrenden Sensibilität vermittelt die Tontechnikerin dem Hörer gemeinsam mit dem Trio das Gefühl, das Ohr säße direkt neben den Instrumenten. Im Konzert wollen Pechlof, Weidner und Landfermann nichts ins Auditorium hineingeben, sondern ihr Publikum mit klangdramaturgischen Mitteln ganz nah zu sich auf die Bühne holen. Diese Erfahrung von Nähe wird auf dem Album extrapoliert, indem die Drei sehr persönliche Eigenschaften untereinander oder teilweise auch individuell in Verhandlung führen. Etwas abstrakt Kalkuliertes korrespondiert mit geradezu liedhafter Poesie und einer schier unergründlich wirkenden Nachdenklichkeit. Diese drei Ebenen treten in jedem Song auf neue Weise entweder in Einklang oder in Widerspruch.

Die Kompositionen stammen von der Harfenistin und dem Saxofonisten, aber alle drei Mitglieder geben ihre jeweiligen Idiome, Vorlieben, Stimmungen und Haltungen ein. Sie suchen nicht zwanghaft nach gemeinsamen Schnittmengen, sondern lassen gezielt Kontraste, Überlappungen und divergierende Bezugspunkte zu. Am Ende kommt es darauf an, die Stücke atmen zu hören. „Das Album ist die Momentaufnahme eines Prozesses“, rekapituliert Kathrin Pechlof. „Viele Stücke hatten wir schon vorher oft live gespielt. Als wir ins Studio gingen, waren sie also schon da. Wir spielten den kompletten Set zweimal durch. Es sollte nicht so produziert klingen, sondern eher eine Version unserer Konzerterfahrung wiedergeben. Am Ende hatten wir von jedem Stück zwei Takes, aus denen wir eine Auswahl treffen konnten.“

Der Motor der ganzen Einspielung ist der fortlaufende spielerische Impuls. Jedes Motiv, jede Anregung eines der drei Mitglieder triggert bei den beiden anderen etwas, das seinerseits wieder Reaktionen auslöst. Man kann es Kommunikation nennen, es hat aber auch viel mit Telepathie gemein. Kathrin Pechlof bezeichnet das Trio gern als Meta-Instrument, bei dem nicht nur die drei Instrumente zu einer einzigen Klangquelle verschmelzen, sondern sich auch die Gehirne der drei Musizierenden zu einem einzigen Cockpit vereinen. Kann man ein Hyperobjekt besser beschreiben?

Auf „Hyperobjekt“ verwandeln sich drei ungewöhnliche Musikerpersönlichkeiten in freischwebende Partikel innerhalb eines transzendenten Raumes. Sie messen diesen nicht nur durch ihre Bewegung aus, sondern machen ihn überhaupt erst als Raum greifbar. Aus dieser variablen Korrelation verdichtet sich ein als vehemente Vergänglichkeit wahrnehmbares Ganzes, das in jedem Augenblick neu Gestalt annimmt.

Was für das Kathrin Pechlof Trio ein Hyperobjekt ist, wird für die unvoreingenommenen Hörer zu einer Hypererfahrung!

kathrinpechlof.com        nwog-records.com       

NWOG Records nwog 073 /  LC 77779  / 4015698448009  / Vertrieb: Indigo/Kontor

VÖ: 29.5.2026

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