Kathrine Windfeld – Salt Sea Atlas
Ein musikalischer Atlas zwischen Licht, Dunkelheit und menschlichen Gegensätzen
Eine der spannendsten Jazzkomponistinnen und Bandleaderinnen Europas
In den vergangenen zehn Jahren hat sich Kathrine Windfeld als unverwechselbare Stimme der europäischen Jazzszene etabliert. Als Komponistin, Arrangeurin und Bandleaderin bewegt sie sich mühelos zwischen komplexen Kompositionen und energiegeladener Improvisation. Weite harmonische Landschaften treffen auf kraftvolle Grooves und ein ausgeprägtes Gespür für Melodie. Ihre Musik verbindet kompositorische Präzision mit einer lebendigen, spontanen und zutiefst menschlichen Ausdruckskraft.
Mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen und Anerkennungen – darunter der renommierte Rising Stars Jazz Award, European Edition, im Jahr 2020 – hat Windfeld seit ihrem Debütalbum AIRCRAFT (2015) ein umfangreiches und von der Kritik gefeiertes Werk geschaffen. Es folgten LATENCY (2017), ORCA (2020), DETERMINATION (2021) und das Sextett-Album ALDEBARAN (2024). Sowohl AIRCRAFT als auch ALDEBARAN wurden mit einem Danish Music Award ausgezeichnet.
Kathrine Windfeld (geb. 1984) studierte Jazzpiano an der Malmö Academy of Music. Noch vor ihrem Bachelorabschluss im Jahr 2016 gründete sie ihre Bigband, die 2014 erstmals auftrat. Seither hat sie sich international als Komponistin, Arrangeurin und Dirigentin einen Namen gemacht und dabei eine außergewöhnliche Fähigkeit bewiesen, das Bigband-Format gleichermaßen zu beherrschen und neu zu denken.
Mit ihrem neuen Album SALT SEA ATLAS präsentiert Windfeld acht Kompositionen, die sich mit Dualität und Kontrasten beschäftigen – sowohl in der äußeren Welt als auch in der inneren emotionalen Landschaft. Die Musik wird von verschiedenen Besetzungen interpretiert: einer 17-köpfigen Bigband, einem 11-köpfigen Ensemble, einem Septett und einem Quintett. So entsteht eine außergewöhnliche klangliche und dynamische Bandbreite.
Die Aufnahmen, die von August Wanngren im Kopenhagener The Village Recording Studio betreut wurden, entstanden innerhalb von nur zwei Tagen und verlangten Windfeld und den beteiligten Musiker höchste Konzentration ab. Der erste Tag war den kleineren Besetzungen gewidmet, am zweiten Tag wurde das Bigband-Material aufgenommen.
Da Windfeld die Bigband selbst dirigiert, wurden ihre Klavierparts anschließend als Overdubs eingespielt. Bei einer Komposition verzichtete sie sogar vollständig auf das Klavier, um die Transparenz und Fragilität zu bewahren, die gerade durch dessen Abwesenheit entstehen konnte.
Das Album eröffnet mit Svendborg Silhouette, inspiriert vom Zusammentreffen von Hafen und Stadtsilhouette vor dem Horizont von Windfelds Heimatstadt Svendborg. Die Komposition lässt durch die facettenreiche Klanglandschaft der Bigband Architektur, Bewegung und Licht entstehen. Schlichte Unisono-Oktaven steigen auf und stürzen durch das Arrangement, während Jakob Sørensens Flügelhornsolo urbane Energie mit der Intimität einer kleineren Stadt verbindet.
Die zweite Komposition, Lakeside Lament, erkundet das Grenzgebiet zwischen Traum und Realität. Das Stück reflektiert über Menschen, die wir verlieren oder vergessen, und über Begegnungen mit dem Unbekannten. Weite Intervalle und eine hypnotische Klavierfigur erzeugen eine traumartige Atmosphäre, getragen von Karl-Martin Almqvists luftigem Tenorsaxofon und einer entfernten, schimmernden Gitarrenstruktur.
Going Feral beschäftigt sich mit dem Ablegen von Hemmungen und der Annahme des eigenen authentischen Selbst. Das Stück beginnt mit einem dicht verwobenen Saxofonsatz, bevor die Blechbläser mit verführerischen Dissonanzen einsetzen und die Musik sich zu einem intensiven Groove verdichtet. Rolf Thofte Løkke liefert ein Trompetensolo, das gleichermaßen frech und souverän wirkt. Ihm folgt ein entfesseltes Gitarrensolo von Casper Hejlesen, dessen dramatische Effekte die Musik in einen beinahe kosmischen Raum treiben.
Das Septett ist erstmals auf River of Haikus zu hören – einem hellen, atmenden Ruhepol auf einem ansonsten überwiegend dunklen Album. Eine von Folk-Einflüssen geprägte Klaviereinleitung führt in eine fließende Klanglandschaft, in der Hannes Bennichs Sopransaxofonsolo die musikalische Erzählung wie eine wundersame Reise flussabwärts vorantreibt.
Concrete Ballerina ist von einer Statue einer Tänzerin inspiriert, die mitten in der Bewegung erstarrt. Melancholische Blech- und Holzbläserklänge verbinden sich mit psychedelischen Gesten des Kontrabasses und atmosphärischen Gitarreneffekten, bevor Tomasz Dąbrowskis Trompete die Rolle der Ballerina übernimmt – schwebend und zugleich in der Bewegung eingefroren.
Auf Secrets of the Permafrost kehrt das Septett zurück. Das Stück ist von Zurückhaltung und einer unterschwelligen Unruhe geprägt. Mit beinahe beunruhigender Schlichtheit wird die Hörerin und der Hörer in eine kühle und zugleich faszinierende Klangwelt hineingezogen, in der Klavier, Gitarre und Glocken allmählich den Zugang zu immer dunkleren Tiefen öffnen.
Das Zentrum des Albums bildet die dreiteilige Bigband-Suite Immortal Horseman. Hier baut Windfeld langsam eine intensive Dynamik auf, die schließlich in einem atemberaubenden orchestralen Finale explodiert. Ausgehend von einem marschartigen Snaredrum-Groove entwickelt sich eine dramatische Erzählung, in der Karl-Martin Almqvist und Tomasz Dąbrowski mit expressiven Soli ausbrechen. Über die drei Sätze hinweg nimmt die Spannung stetig zu, angetrieben von einer unaufhaltsamen Vorwärtsbewegung und einer rastlosen Energie, die niemals vollständig zur Ruhe kommt.
Das Album endet mit dem friedvollen Quintett-Stück Time and Tide. Mit seiner schlichten, von Folk inspirierten Klarheit und seinem offenen, ehrlichen Ausdruck bildet die Komposition ein nachdenkliches Epilog zum musikalischen Weg des Albums. Johannes Vahts Kontrabass und Karl-Martin Almqvists Saxofon führen in einen sinnlichen und poetischen Raum, während Windfelds Solo die zahlreichen Fäden der emotionalen Landschaft des Albums zusammenführt. Casper Hejlesens fließende Gitarre schafft Raum für einen letzten Atemzug, bevor das abschließende Thema langsam verklingt.
SALT SEA ATLAS ist Kathrine Windfelds ambitioniertestes Werk in einer bereits beeindruckenden und vielfach ausgezeichneten Karriere. Das Album zeigt einmal mehr ihre außergewöhnliche Fähigkeit, kompositorische Komplexität mit unmittelbarer emotionaler Wirkung zu verbinden. Über verschiedene Ensemblebesetzungen und ein breites emotionales Spektrum hinweg entfaltet sich die ganze Bandbreite ihrer künstlerischen Vision – und bleibt dabei zutiefst menschlich.
Mit SALT SEA ATLAS festigt Kathrine Windfeld ihre Position als eine der spannendsten Jazzkomponistinnen und Bandleaderinnen Europas und unterstreicht einmal mehr ihren Status als einzigartige künstlerische Stimme.
SVENDBORG SILHOUETTE / LAKESIDE LAMENT / GOING FERAL / RIVER OF HAIKUS /
CONCRETE BALLERINA / IMMORTAL HORSEMAN / TIME AND TIDE
Trumpet: André Bak, Rolf Thofte, Tomasz Dabrowski, Jakob Sørensen
Trombone: Anders Larson, Annette Saxe, Peter Dahlgren, Tobias Stavngaard
Reeds: Kasper Wagner (as, fl), Magnus Thuelund (as, fl), Hannes Bennich (ss),
Karl Martin Almqvist (ts, cl), Christian Holm Svendsen (ts, cl, fl), Frederick Menzies (brts, bcl, fl)
Rhythm Section: Kathrine Windfeld (p), Casper Hejlesen (g), Johannes Vaht (b), Jakob Roland (b), Henrik Holst Hansen).
CD: STUCD 26032, LP: STULP 26031 Kathrine Windfeld – Salt Sea Atlas, Stunt Records, Sundance Music ApS.
663993260327 (CD: STUCD26032, LP: STULP26031) Vertrieb: inakustik/The Orchard
Released on LP, CD and digital
VÖ: 23.10.2026




