MALSTROM – Klaus-Dieter

Es gibt Musik, die macht alles eng, weil sie schlicht variiert, was man bereits kennt. Da fühlt man sich dann wohl, eben weil man von keiner neuen Idee, von nichts Ungewohntem herausgefordert wird. Nichts zu hören, was sich neu und fremd anfühlt, und irgendwann döst man dann halt weg, komfortabel und vielleicht sogar ganz zufrieden. Und es gibt Musik, die öffnet alles. Malstrom gehören in diese zweite Kategorie. Und sprengen von da aus alles an beengenden Schubladen fröhlich weg.

Seit bald zehn Jahren kultiviert das Trio eine heiter-dekonstruktive Haltung zu diversen musikalischen Traditionen, vornehmlich der des experimentierfreudigen Jazz. Die wahnwitzige Spielfreude und Energie, die unheimliche Dichte an Signalen, die dem Hörer aus den Boxen entgegen strömen, bringen alles, was am Jazz (auch am experimentellen) ausgetrocknet ist, zum Fließen. Malstrom haben auf inzwischen vier Alben eine avantgardistische Musik geschaffen, die vollkommen unmittelbar – ohne dass es theoretischen Überbaus oder Meta-Ebene bräuchte – funktioniert und ungemein entertaining ist. Um mit einer ungeheuren spielerischen Präzision, sowohl in den komponierten wie auch in den improvisierten Passagen, dem Jazz neue Möglichkeitsräume zu öffnen.

Für das neue Album, Klaus-Dieter, wurden zehn Stücke eingespielt, die ständig Haken schlagen, Teile isolieren und auseinandernehmen, um dann unvermittelt gemeinsam nach vorne zu preschen. Beides, Improvisation und Komposition, durchdringt einander. Das Einfachste wäre nun, dieses vielfältige Gemisch als Ergebnis eines Genre-Crossovers zu beschreiben – Jazz, komplexer Metal, Rock, Postrock. Und tatsächlich setzen die Veranstalter auf die Poster, die Malstrom-Konzerte ankündigen, gerne „Jazz-Metal“ oder einen Satz mit „progressive“ oder ähnliches. Ist auch nicht falsch, weil die Band auf Klaus-Dieter in wenn auch ungewöhnlicher Trio-Besetzung (Schlagzeug, Gitarre und Saxofon) weiter an einer Form von Jazz-Experiment werkelt, das enorm treibt und die Komplexität des frickeligen Progrocks von aller Kopflastigkeit befreit. Und dieser Strom enthält auch überraschend elegische Passgen. „Somnabulismus“ zum Beispiel bricht nach zweieinhalb Minuten Gefrickel zu einer traumhaften, euphorischen Saxofon-Linie aus. Einer der vielen unerwarteten und wunderschönen Momente auf diesem Album.

Die Diagnose „Genremischung“ führt dann aber auch wieder in die Irre. Denn beim Genre-Crossover bleiben die einzelnen Teile voneinander getrennt. Malstrom hingegen erschaffen einen musikalischen Fluss, der mitreißt, was an den Ufern steht und liegt und es sich einverleibt. In dieser Hinsicht ist diese Musik ähnlich mischfreudig wie die Jazz-Entwürfe der New-Yorker-Downtown-Szene. Denkbar zumindest, dass Saxofonist Florian Walter nicht wenig John Zorn, Gitarrist Axel Zajac nicht wenig Marc Ribot und Schlagzeuger Jo Beyer nicht wenig Jim Black gehört haben. Um aus all dem dann etwas Neues zu machen.

Was Lustiges nicht zuletzt. Wer seinen Kompostionen Titel wie „Pumpen mit Klumpen“ oder „Klaus-Dieter geht baden“ gibt und sich auch für latent Albernes nicht zu schade ist (worauf surft der Schlumpf durch den Malstrom? Genau, auf dem „Smurfbrett“), macht deutlich, dass der heilige Ernst jetzt einmal eine Pause machen darf. Die Herangehensweise von Malstrom an ihre Musik ist grundsätzlich sehr gelöst. Und es ist ja nicht so, dass es im Jazz zurzeit zu wenig Ernsthaftigkeit geben würde. Stattdessen regieren hier Heiterkeit und Ambivalenz: Man darf sich die musikalische Tradition, die vom Malstrom weitergetragen wird, als ein wunderschönes altes Gesicht vorstellen, das im schnellen Wechsel verehrt, gestreichelt und geohrfeigt wird.

A propos Klaus-Dieter. Ein Titel wie „Klaus-Dieter ist verwirrt“ deutet zumindest an, dass man sich den Titelhelden des Albums als eher wertkonservativen Jazz-Hörer vorstellen kann. Den diese Musik, wenn er sich nur wirklich auf sie einlässt, in einem guten Sinne durcheinanderbringen dürfte.  „Klaus-Dieter geht baden“ wiederum lässt darauf schließen, dass hier einer tatsächlich Mut gefunden hat und in den Malstrom gesprungen ist. Wir dürfen uns Klaus-Dieter als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Berthold Records / 4250647321082 / LC 27984 / Vertrieb: Cargo

VÖ: 19.11.2021

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