Markus Becker – Alleingang

Markus Becker, international gefragter Pianist, hat neben seiner klassischen Konzertkarriere einen ganz eigenen, freien und unverwechselbaren Improvisationsstil geprägt. Sein erstes Soloalbum Freistil (2019) fiel auf durch seine fantasievolle, farbenreiche und stilsichere Mosaik-Struktur: viele komplett aus dem Moment heraus entstandene Miniaturen voller unerwarteter Assoziationen.

Beckers zweite CD Alleingang ist nun ein echtes Amalgam aus jazziger Freiheit und klassischem Klaviersatz, mit deutlich stärkeren kompositorischen Anteilen, bis hin zu Mehrspur-Arrangements.
„Für Alleingang habe ich Strukturen und Themen ausgearbeitet, um die ich dann die jeweiligen Stücke herumgeschrieben habe. Dafür bin ich in den Sendesaal Bremen zurückgekehrt, der mit seiner unvergleichlich warmen Akustik schon das erste Album zu einem für mich ganz besonderen Tonträger gemacht hat“, lässt Becker die Aufnahmen Revue passieren.

„Alleingang bedeutet für mich, den Blick in meine innere, farbenfrohe Welt zu lenken und in sie einzutauchen. Das hat also nichts mit Isolation oder Depression zu tun“, erklärt der Pianist. Zwar ist er der Corona-Pandemie keinesfalls dankbar, aber sie schenkte ihm immerhin die Zeit und Ruhe, dieses Projekt mit viel Muße anzugehen, was ohne Lockdowns so nicht möglich gewesen wäre. „Wenn ich allein bin, fühle ich mich weder einsam noch ist mir jemals langweilig“, versichert Becker mit Blick auf den Albumtitel und präzisiert: „Außerdem bin ich Teil einer Familie mit einer wundervollen Ehefrau, vielen Kindern und einem Hund. Da bin ich immer beschäftigt.“

Die einzelnen Titel auf Alleingang geben Hinweise darauf, wie Gedanken, Erlebnisse und Einflüsse – sowohl musikalischer als auch alltäglicher Art – Eingang in seine Kompositionen finden.

Eingangschor lässt an die Kantaten von Johann Sebastian Bach denken, die Becker als Junge im Knabenchor Hannover gesungen hat. „Wie in vielen meiner Stücke, benutze ich hier das Klavier, um andere Instrumente zu imitieren. Diese Komposition könnte zum Beispiel auch von einer Oboe gespielt werden – einem typischen Bach-Instrument. Mit meiner Improvisation – die in der musikalischen Tradition des Barocks steht – entführe ich das Stück von der Klassik in den Jazz.“

Auch in Marrakesch imitiert Becker andere Instrumente – in diesem Fall aus Nordafrika. Als Becker klassische Konzerte in Marokko spielte, nutzte er die Zeit, um sich eingehend mit der Musik des Landes zu beschäftigen.

Elfentanz ist eigentlich der Titel eines berühmten Virtuosenstückes für Violoncello von David Popper. „Der Titel ist ein Wortspiel: mein Elfentanz basiert auf einem Ostinato im Elf-Sechzehntel-Takt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass irgendetwas fehlt. Im Refrain wird es endlich komplettiert – eine kleine Erlösung…“, so Becker.

Abendhauch – eins der Zauberwörter aus dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“, Text von Matthias Claudius. „Romantische Lyrik ist voll von Begriffen, die schon alleine eine kleine Welt eröffnen. Ich fühle mich als Musiker da sehr angesprochen“, sagt Becker. Die Komposition vermittelt den Eindruck einer kühlen abendlichen Brise.

Abstiegskampf spielt auf ironische Weise mit einem Begriff aus dem Sport, der hier auf die Musik übertragen wird. Wie in einer barocken Trauermusik wandert der Bass in Halbtonschritten zunächst immer tiefer, steigt dann wieder auf, um erneut in tiefere Gefilde zu fallen.

doppio erinnert an ein Gespräch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Stimme. „Mit der linken Hand spiele ich ein sich ständig wiederholendes Motiv, ein Ostinato, während ich mit der rechten Hand unterhalb oder oberhalb davon spiele.“ Ein Stück, das Becker spontan komponiert hat – ebenso wie Gesang der Frühe, das auf dem Klavierzyklus von Robert Schumann basiert. „Vermutlich bezieht sich der Titel nicht auf menschlichen Gesang, sondern auf den inneren Gesang der frühen Morgenstunden – eine zutiefst romantische Idee“, so Becker.

kann nicht schlafen wird ausschließlich auf weißen Tasten gespielt und beruht auf dem, „was meine Kinder oft zu mir sagen, wenn sie eigentlich todmüde sind. Das Stück hat zunächst einen unruhigen, nervösen Charakter und wird dann immer traumähnlicher.“

Butterfahrt ist ein „gute-Laune-Stück mit Anklängen an den Jazz-Pop der 1970/80er Jahre, mit dem ich aufgewachsen bin“, erklärt der Pianist. „Ich habe das Stück bereits live gespielt als es noch keinen Titel hatte. Also befragte ich das Publikum, in dem ein befreundeter Schauspieler saß. Er schlug ‚Butterfahrt‘ vor, weil die Gäste auf diesen Fahrten üblicherweise günstig einkaufen, viel trinken und lachen.“ Während sich das Geschehen hier auf dem Wasser abspielt, verlagert es sich bei Am Rand unter die Wasseroberfläche. „Während ich ganz links und ganz rechts auf dem Klavier immer dieselben Intervalle spiele, findet dazwischen das eigentliche Leben statt – so wie in einem Aquarium, in dem ein Fisch schwimmt.“

Farbenklavier lässt an Alexander Skrjabin denken, den großen romantischen Klavier-Synästhetiker. Seine Préludes geben hier den Anstoß zu einem Ausflug mit chromatischen Einfärbungen.

Letzte Runde – der Aufruf des Kneipenwirts an die verbliebenen Trinker, sich langsam auf den Weg zu machen. Ein echter Blues – melancholisch, aber nicht ohne Hoffnung.

Das Schluss-Stück Adieu hat Becker ebenfalls komplett im Sendesaal improvisiert. „Weil es mir sehr schwer fiel, zu einem Ende zu kommen, ist es ziemlich melancholisch geraten und vermittelt gleichzeitig ein Gefühl von Abschied“, erklärt der Komponist.

Ein Abschied, der allerdings nicht von allzu langer Dauer ist. Denn mittlerweile ist Beckers Konzertkalender wieder deutlich besser gefüllt. Zunächst wird er einige klassische Konzerte nachholen, die er wegen der Corona-Pandemie verschieben musste. „Ich liebe es, mit Anderen zu spielen, aber genauso reizvoll finde ich es, als Solist zu arbeiten. Das Klavier ist einfach universell. Die Freiheit in der Improvisation inspiriert mich auch in der Klassik – und umgekehrt“, verrät Becker, der als Professor für Klavier und Kammermusik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover lehrt.

Er musiziert mit Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, den Rundfunkorchestern des NDR, WDR und SWR, dem BBC Welsh Orchestra unter Dirigenten wie Claudio Abbado, Howard Griffiths und Michael Sanderling.
Nachdem er in der Klassik-Sparte für seine Produktionen mit Preisen überhäuft wurde (allein dreimal gab es den Echo Klassik, dazu den Opus Klassik und den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik), wurde er jetzt auch mit seinen Jazzprojekten für den Deutschen Schallplattenpreis und den Deutschen Jazzpreis nominiert.
Seine Virtuosität am Instrument und sein kreativer, künstlerischer Ansatz haben Becker zu einem der begehrtesten und meistgehörten europäischen Pianisten der Gegenwart werden lassen.

Berthold Rec / LC 27984 / 4250647321075 / Vertrieb: Cargo

VÖ: 29.10.2021

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