Markus Becker – Winter Motion

Markus Becker: Freie Fahrt für die Intuition
Mit ‚Winter Motion‘ öffnet der vielfach ausgezeichnete Pianist neue Räume zwischen Klassik, Improvisation und Jazz – persönlich, spielerisch und jenseits musikalischer Konventionen.

Ein Jazz-Album? Nicht wirklich. Auch wenn Markus Becker den Begriff hin und wieder selbst verwendet, sieht er das differenziert. Jazz ist ohne Frage ein Einfluss. Schon in jungen Jahren hatte der Mann aus Hannover, der seit Jahrzehnten für seine Interpretationen klassischer Werke in enormer Bandbreite gerühmt wird, parallel zur üblichen Ausbildung auch Jazz gespielt. Und dessen Freiheiten und Möglichkeiten schätzen gelernt. Auf ‚Winter Motion‘ gibt es auch Momente mit einer entsprechenden Ausrichtung. Doch Markus Becker ist nicht einfach ein klassischer Pianist, der Jazz spielt. Bei seinen – inzwischen regelmäßigen – Ausflügen in Regionen jenseits der sogenannten Klassik schafft er etwas Komplexes, aber auch Spielerisches, das sich aus den verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit nährt.

Beckers Leitfaden ist dabei die Intuition – ein zentraler Faktor gerade von Jazz-Improvisationen. „Ich fühle mich sehr wohl in dieser intuitiven Welt. Für mich geht sie toll zusammen mit der klassischen. Das kontrastiert einerseits, hat aber auch viele Verbindungen, in denen sich die Welten gegenseitig befruchten.“ Dieses Verständnis liegt seinem stark improvisatorisch geprägten Schaffen zugrunde. „Ich würde das gar nicht unbedingt als Jazz bezeichnen. Das ist eine freie Art von Improvisation, in die alles einfließt, was ich an musikalischem Vokabular in mir herumtrage. Mein Gefühl für Improvisation ist auf einem klassischen Fundament gewachsen. Das habe ich mehr und mehr geöffnet.“ Übersehen wird ja oft, dass in der Geschichte der klassischen Musik eine Form improvisatorischer Praxis einst relativ normal war. Das verlor sich. Lange schon, so beschreibt es Becker, gibt es eine scharfe Trennung zugunsten „interpretatorischer Millimeterarbeit“, wie er lachend feststellt. Dabei betonte erst jüngst ein renommierter deutscher Kritiker, „dass Improvisation das Herzstück allen Musizierens ist, das sollte niemand ernstlich bestreiten.“

Aktuell arbeitet Markus Becker an einer Gesamtaufnahme der Haydn-Sonaten („Ich liebe diese Musik!“), jüngst präsentierte er zum Beispiel Bachs „Goldberg-Variationen“ in der Bearbeitung für zwei Klaviere gemeinsam mit Igor Levit. Mit „Winter Motion“ nimmt er uns auf eine neue, sehr persönliche Entdeckungsreise mit – eine Reise jenseits der Konventionen. Die ist reich an eindrücklichen Facetten.  Aufnahmeort war erneut – wie bei zwei der drei vorherigen Produktionen für Berthold Records – der Sendesaal Bremen: ein besonderer Klang- und Konzertraum mit langer, außerordentlicher Geschichte. Zu der gehören nicht nur viele der größten Namen aus Klassik und Neuer Musik, sondern auch des Jazz (allen voran Keith Jarrett, siehe „Solo Concerts Bremen/Lausanne“, ECM). Für Becker ein kreativer und emotionaler Herzensort: „Der Sendesaal setzt etwas in mir frei. Der Raum, das Assoziative dort, bringt etwas in mir hervor, was nirgends sonst passiert.“

Das Programm spielt sich zwischen zwei Polen ab. Zum einen sind da weitgehend komponierte Stücke, zum anderen freie Improvisationen, meist Miniaturen. Die Tracks sind so verschränkt, dass sie „aufeinander reagieren“. Eine gezielte inhaltliche und atmosphärische Dramaturgie also anstelle einer Collage. Etwa ein Drittel der Musik, die sich auf dem Album findet, hatte der Pianist und Komponist komplett ausgearbeitet – allem voran das eröffnende Titelstück. „Winter Motion“ bezieht sich einerseits auf die Jahreszeit der Aufnahme. Zugleich fühlte Becker sich an den entsprechenden geologischen Fachbegriff erinnert, der die langsame Bewegung eines Eispanzers bezeichnet, Bewegung also selbst in der vermeintlichen Starre meint. „Mirror Prelude“ ist eine eigenwillige Referenz an Bachs „C-Dur-Präludium“, ausgehend von dem berühmten Auftakt-Akkord („Das habe ich harmonisch ein Bisschen durch den Garten und wieder zurück geführt“). Der Titel „Eusebius“ ist aus der Welt Robert Schumanns entlehnt, “Song Without“ verweist auf Hugo Wolf – die Zeit der Romantik in der Musik ist Becker sehr nah.

Mit „Seventynine“ greift er auf seine frühen Jahre als Pianist und Keyboarder in Bands zurück. „Am Wochenende unterwegs, Anlage und Instrumente geschleppt“ – Erinnerungen an das, was er nach und nach zurückfahren musste im Zuge der Ausbildung. Damals kamen neben dem Fender Rhodes-E-Piano auch Synthesizer zum Einsatz. Hier taucht überraschend der Sound eines Bass-Synthesizers auf (der manchmal fast wie ein bundloser E-Bass klingt), etwa in „Winter Motion“ oder dem wehmütigen Abschied „Still Beyond“. Nicht aus nostalgischen Gründen: die Entscheidung fiel intuitiv im Zuge der Vorbereitung für die Aufnahmen. „Das ist kein Gimmick – es macht vielmehr einen Raum auf.“ Ein perfektes Beispiel für den offenen Geist, mit dem Markus Becker seinem inneren Kompass folgt.

„Diese Seite meines musikalischen Schaffens ist nicht nur gewachsen, sie ist für mich zu einer inneren Notwendigkeit geworden“, betont der Pianist. Das Vertrauen in den improvisatorischen Moment wird zum Schlüssel für die weitere persönliche Entwicklung. Derweil hört er neben klassischen Werken Musik von Peter Gabriel, Jazzpianist Brad Mehldau (der auch Bach interpretiert), Steely Dan, den Rockjazz-Cracks Yellowjackets – oder auch von Stevie Wonder, mit dem er übrigens den Geburtstag gemein hat. Als seine Musik „für die Insel“ nennt er allem voran die Bach-Kantaten. Wie er mit seinem so spannend erweiterten Spektrum nun in die Schubladen der Musik- und Konzertwelt passt, überlässt Markus Becker anderen. Er hat festgestellt, dass das Publikum heute neugieriger und offener ist als früher – auch für Konzerte, die nicht dem klassischen Kanon entsprechen. Wie auch immer: er strebt weiter voran – neugierig. „Ich gucke mal, wo mich das noch hinführt“.

markusbecker-pianist.de

Berthold Records / LC 27984 / 4250647326018  / Vertrieb: Cargo/Kontor

 

VÖ: 27.11.2026                                 

Fotos I Cover