MATOVS GARAЖ – Zappelito’s Bathroom Dance Event

André Matov und seine Garage (GARAЖ): Die pure Lust am Leben!

Er reist mit uns auf den Mond, in den Orient, auf den Balkan, ins Shtetl, ins Berlin der Zwanziger, ins Rom der Sechziger und ins New York der Neunziger Jahre

Der beste Weg in die Zukunft führt immer über die Vergangenheit

Keine andere Formel beschreibt „Zappelito‘s Bathroom Dance Event“, das neue Album des Berliner Gitarristen André Matov besser. Ihm gelingt das Kunststück, uns mit seiner Musik, die so bunt ist wie ein Zirkus, an tausend Orte zu tausend Zeiten gleichzeitig zu versetzen. Er lässt uns lachen, er lässt uns weinen. Er fordert uns zum Tanzen, Trinken und Träumen auf, er schwelgt in Erinnerungen an alte Filme und diskutiert mit uns am Späti um die Ecke über Sartre und Joyce. Er macht das Absurde zur Wirklichkeit und führt die Realität ad absurdum. Er reist mit uns auf den Mond, in den Orient, auf den Balkan, ins Shtetl, ins Berlin der Zwanziger, ins Rom der Sechziger und ins New York der Neunziger Jahre. Und er macht uns staunen, staunen, staunen. Denn André Matov ist ein Zauberer, und „Zappelito’s Bathroom Dance Event“ fühlt sich danach an. André Matov und seine Garage versprühen die pure Lust am Leben!

Man könnte es auch nüchterner fassen. Zum Beispiel: André Matov ist ein Gitarrist, der seine Zelte in Berlin-Friedrichshain aufgeschlagen hat. Als Sohn eines Bulgaren und einer sephardischen Jüdin aus Amsterdam wuchs er von Klein auf mit verschiedensten Traditionen und Kulturen auf. Er wurde mit Klassik sozialisiert, entdeckte aber später erst Frank Zappa und dann John Zorn. Seine erste eigene Platte stammte von der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba. Zwischen alledem lagerten sich in den Fängen seines musikalischen Bewusstseins alle nur denkbaren Sedimente ab. Scheuklappen sind Matov völlig fremd, und getreu Duke Ellingtons Bekenntnis, es gebe nur zwei Arten von Musik, nämlich gute und schlechte, reichert er seinen musikalischen Fundus um alles an, wessen er irgend habhaft werden kann.

Und wenn wir schon bei Ellingtons Zitat sind, versuchen wir doch mal, einen Begriff für Matovs Musik zu finden. Wir könnten es Exotica-Balkan-Klezmer-Mambo-Surf-Space-Prog-Boogaloo-Punk-Jazz nennen. Griffig ist das nicht gerade. Mit intellektueller Partymusik kämen wir der Sache schon näher, denn man kann zu diesem wilden Clash aller nur erdenklichen Stile in jedem Fall wunderbar tanzen. Allerdings ist Matov selbst ein derart introvertierter Typ, dass er zu seiner eigenen Party wahrscheinlich auf dem Sofa sitzen und allen Anderen beim Tanzen zuschauen würde. Wir könnten es auch als Schleuse zwischen bukolischer Erinnerung und urbaner Gegenwart beschreiben, denn Matov transformiert verschiedene Aggregatzustände von Vergangenheit zwischen Nostalgie und Sehnsucht ins Hier und Jetzt des grinsenden Molochs. Oder wir bleiben bei Ellington und einigen uns darauf, dass „Zappelito’s Bathroom Dance Event“ einfach gute Musik ist.

Immer wieder greift André Matov auf Versatzstücke zurück, die man schon irgendwo gehört zu haben meint. Melodiefetzen fliegen an einem vorüber wie der flüchtige Eindruck von Posterresten auf hundertfach überklebten Plakatwänden. Sowie man etwas zu erkennen glaubt, zerrinnt es schon wieder in der Wahrnehmung und setzt sich aus seinen Fragmenten neu zusammen. Auf diese Weise wirkt das Album wie ein rasanter Querschnitt durch eine ganze Plattensammlung, die ein Leben lang aus aller Herren Länder zusammengetragen wurde. „Ich höre sehr viel unterschiedliche Musik und habe schon immer Schwierigkeiten, mich festzulegen“, bekennt der Gitarrist. „Irgendwie bin ich dann im Jazz gelandet, habe mich aber noch nie als Purist gesehen.“

Der ganze Wahnsinn nahm bereits vor vielen Jahren seinen Lauf. Die Ursprünge der Band, die heute neben Matov aus Saxofonist Dmitrij Markitantov, Trompeter Lars Kuklinski, Organist Jo Aldinger und Drummer Bernd Oezsevim besteht, legte der Gitarrist schon während seines Studiums. Doch wie das bei sporadischen Langzeitprojekten so ist, verlor man sich irgendwann ein wenig aus den Augen, und Matov begnügte sich mit diversen Jobs als Sideman von Pop-Projekten bis zur freien Improvisation. Er fühlte zwar auch weiterhin den Drang, eigene Musik zu schreiben, hatte aber wenig Bock auf das Musik Business. Schließlich nahm er die Arbeit mit Aldinger und Oezsevim zunächst aus logistischen Gründen im Trio wieder auf. „Ich wollte einfach mal wieder etwas andere Musik mit einem rockigeren Sound und ein paar Effekten spielen“, erinnert sich Matov. „Nach ein paar Aufnahmen hatte ich auch wieder mal Lust auf ein paar Bläser und fragte die beiden Jungs aus dem Ruhrgebiet, ob sie nicht rüberkommen wollen. Wir spielten ein paar Stücke ein, aber ein Song war einfach nur als Spaßstück gedacht. Plötzlich hatten alle eine so gute Laune, dass ich dachte, ich müsse eine ganze Platte nur mit solchem Zeug machen.“

Matov setzte sich hin, schrieb innerhalb von drei Wochen das neue Material, buchte einen weiteren Studiotermin, und fertig war das Album. Und aus besagtem Spaß-Song wurde schließlich das Titelstück von „Zappelito’s Bathroom Dance Event“. Und genau dieser Spaß überträgt sich vom ersten bis zum letzten Ton auf den Hörer bzw. von der Hörmembran auf jede Zelle im Körper.

„Zappelito’s Bathroom Dance Event“ ist nur scheinbar das, was man landläufig ein Album, eine Platte oder eine CD nennt. In Wirklichkeit ist es ein musikalischer Speed Trip auf einem Kinderkarussell, bei dem uns Nino Rota, Yma Sumac, John Zorn, Dick Dale, Goran Bregovic und die Band Farmer’s Market fröhlich zuwinken, ohne dass wir ihre Konturen auch nur noch vage erkennen könnten. Und falls es über den unbändigen Spaß hinaus überhaupt eine zentrale Botschaft in dieser absoluten Musik gibt, dann dass der beste Weg in die Zukunft immer über die Vergangenheit führt.

Hey!Blau Rec.  HBL 023173 / LC 22792 / 4251959804089 / Vertrieb: Hey!Blau/bandcamp

CD/Vinyl

VÖ: 16.04.2024


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