Nils Wogram I Jim McNeely I Frankfurt Radio Big Band – Trilogue+15

Zwischen Ehrfurcht und Erneuerung: Wie ein Mythos der Jazzgeschichte zu neuem Leben erwacht

Albert Mangelsdorffs Vermächtnis – und der waghalsige Versuch, sein ‚Trilogue‘ neu zu denken wird zur Herausforderung für eine ganze Big Band

 

Wie widmet man einen im Trio eingespielten Klassiker der Jazzgeschichte für eine Big Band um, ohne ihn zu überfrachten oder seine Substanz zu schmälern? Wie wird man einem solchen Monolithen gerecht, ohne ihn zu kopieren? Und wie übersetzt man ihn in ein neues Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend, ohne ihn seiner ursprünglichen Relevanz zu berauben? Die Musikarchive platzen von Tributes an ikonische Alben von Coltrane, Miles oder Monk. Und dann gibt es Alben, die wie ein Vulkan aus dem Meer aufragen, an deren Besteigung sich aber niemand wagt. Eines dieser unerreichten Meisterwerke ist „Trilogue“, am 6. November 1976 auf den Berliner Jazztagen von dem Posaunisten Albert Mangelsdorff, dem E-Bassisten Jaco Pastorius und dem Schlagzeuger Alphonse Mouzon auf den Berliner Jazztagen eingespielt.

Auf „Trilogue“ prallten Welten aufeinander. Mangelsdorff zählte zur Vorhut der europäischen Emanzipation vom amerikanischen Jazz, Mouzon hatte zur Gründungsformation von Weather Report gehört, und Pastorius war gerade im Begriff, mit Weather Report deren Meilenstein „Heavy Weather“ aufzunehmen. Die Gemeinsamkeit des Ein-Mann-Orchesters Mangelsdorff, dessen Ton in den unterschiedlichsten Farbtönen oszillierte, des Klangfarbenmagiers Pastorius und des Pointillisten Mouzon bestand in ihrer visuellen Auffassung von Sound. Auf „Trilogue“ bahnten drei Musiker sich einen ebenso bedingungslosen wie ergebnisoffenen Weg durch den Kosmos ihrer Intentionen. Und bedingungslos bedeutete 1976 definitiv etwas anderes als 2026. Sich einem solchen Album anzunähern und es in einem völlig neuen Setting zu würdigen, ist mit einem Aufstieg zur Eiger-Nordwand ohne Seil vergleichbar.

Der Posaunist Nils Wogram, der Arrangeur Jim McNeely und die HR-Big Band haben es 2018 auf dem Deutschen Jazz Festival Frankfurt dennoch gewagt. In seiner Heimatstadt Frankfurt wird Mangelsdorff wie ein Heiliger verehrt. Viele der im Auditorium Anwesenden haben den 2005 verstorbenen Visionär noch persönlich gekannt oder zumindest live erlebt. Wogram stellte sich gewissermaßen dem kritischsten Publikum, vor das man mit einem derartigen Projekt überhaupt treten kann. Mehr Risiko geht nicht, und dieses Momentum kann man in jedem einzelnen Ton hören.

Dass sich diese spezielle innere Spannung auch acht Jahre nach dem Ereignis noch auf den Hörer überträgt, liegt an zwei ganz unterschiedlichen Kräften, die hier wirken. Während Wogram Mangelsdorff so weit wie möglich verinnerlichen will, wollen McNeely und die Big Band sich genauso weit vom Sound des Originals absetzen. Als das Unterfangen an Wogram herangetragen wurde, war er zunächst entsprechend skeptisch. Zu mächtig ragte der Mount Trilogue vor ihm auf. Andererseits reizte ihn die Herausforderung. „Ich fragte mich, wie ich mit Alberts Vokabular und diesen Einflüssen, die mich so sehr geprägt haben, umgehe“, erinnert sich Wogram. „Wie kann ich ihm entsprechen, ohne mich selbst zu verleugnen? Dieses Spannungsverhältnis bestand also nicht nur zwischen der Big Band und mir, sondern auch in mir selbst. Als die Proben dann begannen, war ich unfassbar überrascht, wie kreativ Jim McNeely mit dem Material umging und mit welcher Spielfreude die Big Band es umsetzte. Das ist ja kein typischer Big-Band-Sound. McNeely sah sich als Mediator, der den Geist und die Interpretation von Albert Mangelsdorff in die Big Band trägt.“

Das Trio von Wograms Posaune, Paul Höchstätters Schlagzeug und Hans Glawischnigs Bass nähert sich dem originalen Sound des Albums von 1976 meist stärker an als der Rest der Big Band. Wie Mangelsdorff, Pastorius und Mouzon bei ihrem Auftritt in der Berliner Philharmonie unentwegt miteinander in Verhandlung traten, setzen sich auch das Kern-Trio und das Orchester bei der Neueinspielung fortwährend mit ihren Rollen und Anteilen auseinander, zumal ja eine ganze Palette neuer Klangfarben wie massives Blech, Klarinette, Flöte oder Gitarre hinzukommt. Weder Wogram selbst noch die HR Big Band versuchen aus der Musik etwas komplett Neues zu machen, sondern sie benutzen das Vorhandene mit kreativem Augenmaß. Bei seiner Annäherung hält Wogram die optimale Balance zwischen Respekt und Augenzwinkern. Man hört, dass da nicht Albert Mangelsdorff steht, und doch oder gerade deshalb steht eben Albert Mangelsdorff in Person Nils Wograms vor der Big Band. Diese Transfiguration ist vom ersten bis zum letzten Ton magisch, aber so ist das eben mit der Musik und ihren Mysterien. „Der Geist von Albert war in der Halle, ich konnte ihn spüren“, rekapituliert Wogram, und man kann den andächtigen Schauer, der ihn während dieser Worte überkommt, mit Händen greifen. „Ich glaube, ich kann es mir inzwischen erlauben, Albert so richtig zu zitieren.“

Nun basiert das originale „Trilogue“-Album zum größten Teil auf der Intuition des gegenseitigen Zuhörens und der spontanen Interaktion. Diese Flexibilität ist bei der Formwandlung zur Big Band nicht möglich, denn erstens ist jeder einzelne Ton der einstigen kollektiven Improvisation bereits kanonisiert, und zweitens ist eine Big Band ungleich schwerer manövrierbar als ein Trio. Die Dynamik beider Einspielungen ist somit grundverschieden. Für Wogram liegt die Krux in Jim McNeelys tiefem Verständnis für diese Art spontaner Improvisation, die er mit viel Knowhow und Einfühlungsvermögen in diesen völlig anderen Klangraum übertrug. Ein Aggregatzustand von Vollkommenheit transformiert sich in einen anderen Aggregatzustand von Vollkommenheit, als hätte Michelangelo eine zunächst flüchtig hingeworfene Skizze für immer in Stein gemeißelt. Die Arrangements sind verspielt, die Musiker lassen sich Zeit, die ganze Musik wirkt wie ein Statement renitenter Entschleunigung in einer Ära, in der alles nach Komprimierung schreit. Wogram nennt es Ruhe in der Redundanz. „Ich fühlte mich beim Spielen dieser Arrangements oftmals weniger eingeschränkt als oft bei extrem tighten Bearbeitungen für kleine Besetzungen. Jim McNeely hat sehr viel Space für Gestaltungsmöglichkeiten speziell für mich, aber auch für das Trio gelassen. Diesen Space konnten und mussten wir ausfüllen. Jim hat uns dazu keine Vorgaben gemacht. Das war mit Sicherheit eins der experimentellsten Arrangements, die er je gemacht hat.“

„Triologue + 15“ ist eine Live-Aufnahme. Das Publikum ist Teil des Prozesses. Am Ende gibt es Applaus. Und dieser Applaus unterscheidet dieses Live-Album von allen anderen Live-Alben der Geschichte. Denn in den Abschiedsapplaus mischt sich neben der erwartbaren Begeisterung auch ein staunendes Raunen. Ein Ooooh, wie ein langes, kathartisches Ausatmen. Im Grunde war dieses Konzert weder ein Tribut noch eine Hommage, sondern im besten Sinne des Zen-Buddhismus eine Reinkarnation. Ein Momentum, das mit dieser Veröffentlichung endlich nicht mehr nur der kleinen Schar Auserlesener an jenem denkwürdigen Konzertabend vorbehalten ist, sondern seinen allgemein zugänglichen Anspruch auf Unsterblichkeit erhebt.

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VÖ: 12.6.2026

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