Shane Quartet – Zukunft

Der Shane-Sound: Das vielseitige Repertoire des Quartetts verbindet Elemente von Modern Jazz bis Zwölftonmusik und lässt von minimalistischen Beats, bis zu hitzigen Dialogen, viel Raum für spontane Interaktion. Zukunft!

*_Das Shane Quartet bewegt sich scheinbar mühelos zwischen vertrackten Formen und improvisatorischer Freiheit: Die Tenorsaxophonisten Gabriel Wenger und Christoph Huber ergänzen sich kongenial, der Bassist Jérémie Kruettli und der Schlagzeuger Philipp Leibundgut grooven zugleich geschmeidig und druckvoll.

**_Wenn früher im Jazz zwei Tenorsaxophonisten aufeinander trafen, kam es häufig zu einer battle, bei der nicht immer alles ganz geschmackssicher zu und her ging. Beim Shane Quartet wird dagegen die kreative Kooperation gross geschrieben – so hat die Band keinen Chef, aber dafür vier Komponisten, und die Tenorsaxophonisten Gabriel Wenger und Christoph Huber kreuzen nicht die Klingen, sondern lassen ihre Hörner in symbiotischer Weise erklingen (Huber ersetzt den Bandgründer und halben Iren Michael Gilsenan, der sich eine Auszeit gönnt und dessen zweiter Vorname der Band den Namen gegeben hat).

***_Da bei Shane kein Harmonieinstrument dabei ist, verengt sich die Klangfarben-Palette: Dafür arbeitet man mehr mit Strukturen – etwa mit quasi-kontrapunktisch gesetzten Sax-Linien oder mit einem Rollenverständnis, das die klare Aufteilung in Solisten und Begleiter in Frage stellt. Mit anderen Worten: Trotz der recht minimalistischen Instrumentierung ist für formale Vielfalt gesorgt.  Man hört, dass die vier Musiker diverse Traditionslinien des Jazz verinnerlicht haben (zuerst hat man Standards bzw. Stücke aus dem Tristano-Repertoire gespielt), aber gleichzeitig über progressive Individualität verfügen. Dass das neue zweite Album «Zukunft» heisst, ist sicher kein Zufall: In die Zukunft kann man nur dann souverän schreiten, wenn man sich fundiert mit der Geschichte befasst hat.

****_2019 stiess die Musik von Shane an den legendären Langnau Jazz Nights auf ein sehr positives Echo (dort trat die Band vor Ron Carter auf). Seither hat sich die Band in einem Prozess schöpferischer Osmose weiterentwickelt: Das Zusammenspiel hat sowohl an Eleganz als auch an Dringlichkeit gewonnen, kompositorisch wird ein grösserer Bogen gespannt und in den Improvisationen wagt man sich weiter auf die Äste hinaus. Bei den Aufnahmen für das neue Album hat sich die Band in einen regelrechten flow hineingespielt- In anderthalb Tagen hatte man alle Stücke im Kasten: Ursprünglich sollte die CD die Länge einer LP (plusminus 40 Minuten) haben, doch weil man von allen Stücken sehr gute Takes hatte, hat die CD nun die Länge eines Club-Sets.

*****_Wer also schon heute wissen will, wie der Real Jazz von morgen klingen wird, kommt um das Quartett Shane nicht herum. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Band auf zeitgeistigen Zierrat verzichtet, denn nichts altert bekanntlich so schlecht wie übertriebenes Hipstertum. Stattdessen bewegt man sich auf der Höhe der Zeit und wirft dabei regelmässig einen Blick nach hinten, um böse Überraschungen zu vermeiden. Diese Band zeigt, dass Höhenflüge nur dann wirklich zu imponieren vermögen, wenn sie Tiefgang haben.

XJAZZ!Music/ 0196292056020 / Vertrieb: Membran

VÖ: 22.02.2022

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