Tini Thomsen Max Sax – Horses & Cranes

Ein gutes Stück rockiger Jazz, fernab der akademischen Haltung und dafür mit einem Schuss Gitarren-Ekstase und bodenständiger Energie. Tini Thomsen MaxSax bieten eine nuancierte, kraftvolle stilistische Differenziertheit. „Einfach mal einen Gang höher schalten“, sagt Tini Thomsen.

Eine Frau und ein Saxofon, ein Herz und eine Seele! Das doch recht massive, schwere Baritonsaxofon ist in den Musikerinnenhänden von Katharina „Tini“ Thomsen jedenfalls eine Zier, die sich hören lassen kann. Das Spektrum reicht von robust-volltönendem Rhythmusspiel über wendige Melodieparts und rasant-kernige Soli bis zu – gelegentlichen! – Ausflügen ins etwas Zartere, Balladeske. Schon von Männern in der Szene selten gespielt, zählt die Kombination Thomsen-„Bari“ damit nicht nur national, sondern zugleich international zu einer sehr überschaubaren Gruppe solcher „Duos“. Noch besser trifft sich natürlich, dass sie in Nigel Hitchcock das passende Gegenüber am Altsaxofon – und auch sonst im Leben – gefunden hat.

Pferde? Kraniche? Was es damit auf sich hat, erklärt die Musikerin mit der Situation im ersten Lockdown Anfang des Jahres, in der sie fast durchgehend zu Hause auf dem Land war: „Hier ist jeden Tag ein Pferdetreck entlang getrottet und darüber flogen die Kraniche.“ In dieser Zeit schrieb sie ihre Stücke, und so wurden fast alle von Tieren inspiriert: „Funky Dragon“ von ihrem Huhn namens Dragon, „Song for Molly“ von Welpe Molly (der dann allerdings doch ein Rüde wurde und daher jetzt „Merlin“ heißt) oder „Ants“ von den Heerscharen von Ameisen, die jedes Jahr im Frühjahr einige Wochen durchs Haus krabbeln.

Musikalisch heißt das: Soulfeeling mit einem kräftigen Schuss Blues, krachende Rockriffs, temporeicher Funk, inmitten der gut eingespielten Rhythmusgruppe zwei Saxofone. So dürfte der Treck im Titelstück „Horses & Cranes“ vom Sound her eine ganze Herde sein, die auf schweren Beats und wummernden Bari-Rhythmen übers Land stapft, flankiert von metallischen Gitarren- und Bassriffs, über denen ab und an in saxofonistischen Soloschleifen Kraniche vorbeiziehen. „Blue Eye“ ist ein melancholischer Dialog bluesgetränkter Saxofonlinien über einem dicht verwobenen Geflecht der Rhythmusgruppe, aus dem sich zeitweise eine E-Gitarre mit einem ausgefeilten Solo in den Vordergrund spielt. In der Rhythmussection der Band mischen Gitarrist Tom Trapp, Bassist Mark Haanstra und Schlagzeuger Joost Kroon mit. Mit Hitchcock und Trapp steuerten noch zwei der Bandmusiker Stücke fürs Repertoire bei. Thomsen formierte die Band MaxSax bereits 2016 in den Niederlanden, wo die gebürtige Hamburgerin fünfzehn Jahre lebte. Durch Studien bei Ferdinand Povel, die Arbeit mit Künstlern wie Nils Landgren, dem Metropole Orkest und vielen anderen war die dortige Szene für sie ein längerfristiges Betätigungsfeld.

Vor wenigen Jahren zog sie wieder in Richtung Heimat, aufs Land unweit der Lüneburger Heide. Sie ist froh, dass sie die Band trotzdem erhalten konnte. In Covid-Zeiten war die zuerst vorgesehene, gemeinsame Studioaufzeichnung aber nicht zu realisieren, genauso wie einige der angesetzten Konzerte. Was tun? Dass die meisten in der Band eigene Tonstudios zu Hause haben, erwies sich nun als großer Vorteil. Sie spielten den Sommer über ihre Teile einzeln ein, was zu einem Daueraustausch von Musikdateien und Kommentaren führte. „Das war wie eine endlose Onlineprobe“, beschreibt es Thomsen. Dass dabei alle noch engagierter waren als sonst, erklärt die Saxofonistin so: „Wir waren ausgehungert nach Musik machen.“ Schlagzeuger Joost Kroon mischte in seinem Studio in Rotterdam, Sander van der Heide masterte im Wisseloord Studio in Hilversum. Zum fertigen Album gibt es von Thomsen Lob für alle: „Die haben das möglich gemacht.“

Seit 2018 ist das Thomsen-Hitchcock-Bariton-Alt-Duo gleichzeitig Kern des Saxofonquartetts Q4. Das auf bisher einer Einspielung (Uphill Struggle) dokumentierte Repertoire wandelt zwischen beschwingt-jazzig und melodiös-balladesk. Dass Thomsen einst überhaupt zum Baritonsaxofon fand, war eine Mischung aus Talent und Zufall. Als vorwitzige 13-jährige trug sie aus dem Musikladen nicht, wie es bei den meisten Anfängern der Fall ist, ein Altsaxofon, sondern ein Tenor. Da hatte sie zwar eben erst mit dem Unterricht begonnen, blieb aber trotzdem bei diesem Modell. Der Schritt zum Bariton wurde ihr dann von verschiedenen Ensembles nahegelegt. Schul-Bigband, Hochschul-Bigband, Landesjugendjazzorchester: Wo sie hinkam, bestand Baritonbedarf! Hinzu kam, dass Thomsen zu dem relativ selten gespielten Saxofontyp schnell einen Zugang entwickelte, den Sound mochte und die Spielweise unkompliziert fand.

Der Musik von MaxSax ist anzuhören, dass Tini Thomsen in jungen Jahren begeistert Rockmusik hörte. In Sachen Saxofon sah sie moderne Jazzer wie Ronnie Cuber und Michael Brecker als Vorbilder. Abgesehen von ihren eigenen Ensembles arbeitete die Saxofonistin in den vergangenen Jahren mit einer Menge etablierter, internationaler Künstler. Es waren so verschiedene wie die südafrikanische Popsängerin Lira, US-Jazztrompeter Christian Scott, der stilmischende, britische Musiker und Dirigent Jules Buckley mit seinem Heritage Orchestra oder Dr. John, in dessen Europa-Tourband sie spielte.

Seit ihren Studien an den Musikhochschulen in Hamburg und Amsterdam hat sich Thomsen intensiv mit Saxofonen und Klarinetten beschäftigt, aber keineswegs nur mit dem Musizieren. Sie begann zusätzlich, eigene Stücke zu komponieren. Einige davon wurden ausgezeichnet, etwa beim Komponistenwettbewerb des Bundesjazzorchesters 2010 oder dem Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Rubrik Jazz/Crossover 2016. Dass sie heute für ihre Bands das meiste Repertoire schreibt, ist daher längst nicht alles. Immer wieder setzt sie sich mit wesentlich größeren Formationen auseinander. Die HR– und NDR-Rundfunk Bigbands haben Kompositionen von ihr gespielt. Sie kooperierte mit der schwedischen Norrbotten Bigband und arrangierte Stücke für das JazzBaltica Ensemble (JazzBaltica All Star Band) des gleichnamigen Jazzfestivals. Im Jahr 2015 leitete sie die Formation und heimste den IB.SH-JazzAward für junge Jazzkünstler ein.

Tini Thomsen’s Max Sax

„Horses & Cranes“

 

1.Funky Dragon                       3:09

2.Horses & Cranes                   5:03

3.Miserable Mushroom Guy      4:31

4.Blue Eye                               6:33

5.Birds                                     3:37

6.Song For Molly                      4:13

7.Ants                                      4:27

8.Georgia                                7:03

9.Snooty Kitten                         6:22

Track 1,2,5,6,7 written By Tini Thomsen

Track 3,9 written By Nigel Hitchcock

Track 4,8 written By Tom Trapp

Tini Thomsen – Baritone Sax

Nigel Hitchcock – Alto Sax

Tom Trapp – Electric/Acoustic Guitars, Mandolin, National Steel Guitar

Mark Haanstra – Electric Bass

Joost Kroon – Drums

Nils Landgren – Trombone On Track 6

Recorded & Mixed By Joost Kroon At Studio Kroon In Rotterdam, Nl

Mastered By Sander Van Der Heide At Wisseloord Studios, Hilversum, Nl

 

 Pre-Listening: https://promo.theorchard.com/jTqiVQTeq3F2i23uhkOE

Jazzhaus Records / JHR 195 (CD) & JHR 196 (LP) /4260075861951 & 4260075861968
LC 09471

Veröffentlichung: 26.03.2021

Album Player : https://promo.theorchard.com/jTqiVQTeq3F2i23uhkOE

Live

17.03.2021 Lübeck, CVJM

18.03.2021 Kiel, Kulturforum

19.03.2021 Husum, Englischer Bahnhof

21.03.2021 Reinstorf, One World Kulturzentrum

01.04.2021 Hannover, Jazz Club

02.04.2021 Oldenburg, Jazzclub Alluvium

03.04.2021 Minden, Jazzclub

10.04.2021 NL – Tilburg, Paradox

13.04.2021 Kassel, Theaterstübchen

14.04.2021 Ingolstadt, Diagonal

15.04.2021 München, Unterfahrt

16.04.2021 Herten, Schwarzkaue

17.04.2021 Braunschweig, LOT Theater

12.06.2021 Görlitz, Jazztage

27.06.2021 Timmendorfer Strand, Jazzbaltika

22.08.2021 Bad Elster, 17. Internationale Jazztage

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