Volker Heuken Sextett – Deep Field

Das Vibraphon und eine Formation mit klar wiedererkennbarer Sprache, die den Hörer mit souveräner Kurzweil einlädt und mit immer neuen Wendungen verblüfft. Ein integraler Bestandteil der weit gefächerten jungen Leipziger Szene, der das Vibraphon nicht als Effektinstrument versteht, sondern die lyrischen Aspekte in den Fokus nimmt.

 

Innerhalb der Jazzgeschichte ist das Vibraphon vornehmlich an das Auftreten einzelner gebunden: Lionel Hampton, Milt Jackson, Red Norvo, Bobby Hutcherson, Karl Berger oder Gary Burton. Es gilt bis heute als besonderes Instrument mit exotischer Klangfarbe, und man kann es wegen seiner rhythmischen und melodischen Möglichkeiten irgendwo zwischen Schlagzeug und Klavier verorten. Weil es mit seinem flirrend besonderen Klang wie zwischen Historie und Zukunft klingt, wird es aktuell vielfach als Instrument des Aufbruchs verstanden. In Deutschland ist dies besonders an die vielfältigen Aktivitäten von Christopher Dell gebunden, in Amerika an neue Stimmen wie Joel Ross und Patricia Brennan oder die Konzepte von John Hollenbecks Claudia Quintett mit Vibraphonist Matt Moran.

Der gebürtige Leverkusener Volker Heuken (Jahrgang 1990) kennt all diese Basisliteratur genau. Nach dem Bachelor-Studium in Nürnberg bei Roland Neffe masterstudierte er in Leipzig Komposition bei Michael Wollny. Hier empfing er im Jahr 2019 für sein Trio mit Schlagzeuger Max Stadtfeld und Bassist Lorenz Heigenhuber den Jazznachwuchspreis der Stadt. Im Zusammenhang damit war die Rede von der „besonderen Kraft des Momentanen“ und von denjenigen Jazzmusikern, „die über solistische Fähigkeiten hinaus nach ihrer eigenen Sprache suchen“. Im Programmheft fürs Preisträgerkonzert war treffend zu lesen: „Was einst im rhythmischen Schlagzeugspiel seinen Ausgangspunkt genommen hat, ist jetzt zu klangbewussten Bewegungen im harmonischen Raum geworden.“ Das Fazit liefert das Heuken-Tätigkeitsmotiv: „Zeit also, dass das Nischeninstrument Vibraphon aus dem Schatten ins Rampenlicht tritt.“

Volker Heuken kommt vom Schlagzeug, aber das spielt höchstens noch eine marginale Rolle. Heute orientiert er sich eher an Pianisten oder Bläsern. Sein Zugang zum Instrument ist harmonisch oder melodisch orientiert. Ihm geht es in einem Wechselspiel zwischen Melodie und Begleitung weniger um perkussive, sondern vielmehr um pianistische Lösungen. Seine Rolle als Bandleader erfüllt er zurückhaltend und nicht autoritär. Er möchte dienlich agieren, sanft und beweglich.

So ist Volker Heuken zu einem integralen Bestandteil der weit gefächerten jungen Leipziger Szene geworden. In diverse Konstellationen vom Duo bis zu größeren Bands speist er sein Spiel ein. Die eingeschränkten und relativ starren Möglichkeiten seines Instruments kanalisiert er in seinem individuellen Zugang, bei dem er das Vibraphon nicht als Effektinstrument versteht, sondern die lyrischen Aspekte in den Fokus nimmt.

Auf der Linie Leipzig–Nürnberg gibt es sein mit zwei Bläsern, Vibraphon, Klavier, Bass und Schlagzeug besetztes Sextett, seit sie 2015 die Gelegenheit hatten, eine Woche lang allabendlich in Nürnberg auf einem Sommerfestival zu spielen. Da rückte die junge, sehr genau konzipierte Band eng zusammen, sodass ein Gemeinschaftsgefühl entstand. Immer klarer wurde die Rollenverteilung gefestigt. Volker Heuken hat seine Bandmitglieder sehr genau gewählt: Posaunistin Antonia Hausmann, Pianist Lukas Großmann, Bassist Alex Bayer, Schlagzeuger Jan Brill und Tenorsaxofonist Christopher Kunz.

Diese breite Instrumentierung ist die Voraussetzung für den besonderen Sound von Volker Heukens variantenreichen Kompositionen. Piano und Vibraphon verschmelzen, als bildeten sie gemeinsam ein neues Instrument. Auch die beiden Bläser kreieren einen ineinandergreifenden gemeinsamen Klang, und ein breites und variantenreiches Spektrum entsteht. Die Stücke erscheinen so, als würde Volker Heuken ein großes Bild ordnen, auf dem jeder seinen Platz hat. Seine Musik hat einen hohen Grad von Organisiertheit, ohne dabei auf die Spontaneität des Jazz zu verzichten. Doch bei aller Präzision der konstruktiv geordneten Vorgaben, agieren die Musiker in keinem starren Korsett, sondern voll Vitalität. In verzahnten Bewegungen füllen und öffnen sie Räume auf eine beeindruckend entspannte Weise. Das will nicht primär hitzig und draufgängerisch überwältigen, sondern mit Überlegtheit und Milde überzeugen.

Hier geht es um das gemeinsame Entwickeln und Ausschreiten von Räumen und Rahmungen, das in seinem hohen Grad der Gemeinschaftlichkeit wichtiger ist als individuelles Brillieren. Jeder bleibt Individuum mit eigenen Facetten innerhalb dieses Organismus, zu dem er oder sie wie beiläufig Klangfarben und Akzente beisteuert. Volker Heuken sucht für jedes seiner Projekte nach dem konsequenten nächsten Schritt. Für diese nach „Portugal“ (2016) und „Siblings“ (2019) dritte CD der Band wählte er den Titel „Deep Field“, der sich programmatisch auf ein mithilfe des Hubble Weltraumteleskops erstelltes hochauflösendes Bild eines Teils des Sternenhimmels bezieht, auf dem weit entfernte Elemente und Erscheinungen gut erkennbar sind, sodass die Untersuchung von Galaxien möglich wird. Dabei wird klar, wie in scheinbar winzigen Punkten Welten stecken können. Sprosse für Sprosse ergibt sich in Volker Heukens Musik aus dem Thema immer etwas Nächstes, wobei sich prägnante Elemente durchziehen.

In dem Stück „Pedro“ wird ein kleines harmonisches Fragment, inspiriert durch den Gitarristen Pedro Martins, auseinandergebrochen und zu einer klaren Dramaturgie weitergedacht. Im Titelstück arbeitet Volker Heuken mit einem gleichbleibendem Basspattern, dem er eine Melodie entgegenstellt, um den Raum zu vergrößern. „Trioni und Chris“ ist ein Quartettstück, das er für Antonia Hausmann geschrieben hat mit einer gezielten Melodie für ihre Posaune, mit der sich das Tenorsaxofon als zweite Stimme verschränkt. „Treasure“ wiederum basiert auf einem Basssolo mit Bläserbegleitung, wo hinein sich dann die Band mischt in zwei sich verzahnenden Linien.

Volker Heuken denkt beim Komponieren die Instrumente mit und überlegt, was er aus ihnen bauen kann, Ausbrüche inklusive, wobei die jeweilige Konstellation immer neu verhandelbar ist. So hat er für seine Formation eine klar wiedererkennbare Sprache gefunden, die den Hörer mit souveräner Kurzweil einlädt und in immer neuen Wendungen verblüfft.

 

www.volkerheuken.com

XJAZZ / XJM_2023009 / LC 28353 / CD  0197189385650 / LP  0197189385667

Vertrieb: The Orchard

VÖ: 10.11.2023

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