John Coltrane – The Tiberi Tapes

LP 1 – Side A

  1. Giant Steps (226 bpm) (Coltrane) (13:40) Live at unknown location / 1960
  2. Giant Steps (262 bpm) (Coltrane) (10:15) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1960

LP 1 – Side B

  1. Thing in D Flat (Coltrane) (15:51) Live at the Jazz Gallery, New York, NY / 1960

John Coltrane (tenor sax) / McCoy Tyner (piano)

Steve Davis (bass) / Pete La Roca (drums)

LP 2 – Side A

  1. Lover (Rodgers & Hart) (4:07) Live at the Jazz Gallery, New York, NY / 1960

John Coltrane (soprano sax) / McCoy Tyner (piano)

Steve Davis (bass) / Pete La Roca (drums)

  1. West 42nd St. (Harden) (19:50) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1961

LP 2 – Side B

  1. Impressions (Coltrane) (20:37) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1961

John Coltrane (tenor sax) / Eric Dolphy (alto sax) / McCoy Tyner (piano)

Reggie Workman (bass) / Elvin Jones (drums)

 

LP 3 – Side A

  1. Untitled Original in F Minor (Coltrane) (12:25) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1961

John Coltrane (tenor sax) / McCoy Tyner (piano)

Reggie Workman (bass) / Elvin Jones (drums)

  1. Satellite (Coltrane) (11:38) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1961

John Coltrane (tenor & soprano sax) / McCoy Tyner (piano)

Reggie Workman (bass) / Elvin Jones (drums)

LP 3 – Side B

  1. Good Bait (Dameron & Basie) (24:38) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1963

LP 4 – Side A

  1. Resolution – Part 1 (Coltrane) (22:51) Live at Pep’s, Philadelphia, PA / 1964

LP 4 – Side B

  1. Resolution – Part 2 (Coltrane) (9:23) Live at Pep’s, Philadelphia, PA / 1964

John Coltrane (tenor sax) / McCoy Tyner (piano)

Jimmy Garrison (bass) / Elvin Jones (drums)

  1. It’s Easy to Remember (Rodgers & Hart) (13:33) Live at the Showboat, Philadelphia, PA / 1962

John Coltrane (tenor sax) / Eric Dolphy (alto sax & bass clarinet)
McCoy Tyner (piano) / Jimmy Garrison (bass) / Elvin Jones (drums)

 

Die „Tiberi Tapes“, sagenumwobene inoffizielle Live-Mitschnitte von John-Coltrane-Auftritten, erscheinen erstmals offiziell auf 4 LPs und 3 CDs, sowie digital.

Seit Jahrzehnten kursieren unter Musikern, Sammlern und Coltrane-Kennern Geschichten über jene Bänder, die der Saxophonist Frank Tiberi Anfang der 1960er-Jahre in kleinen Clubs in New York und Philadelphia aufgenommen hat. Mehr als 50 Jahre blieben sie unter Verschluss und wurden nur von Wenigen gehört. Nun wird erstmals eine Auswahl der historischen Dokumente zugänglich gemacht, vom Coltrane-Label Impulse! Records im Jahr von seinem 100. Geburtstag (am 23.9.2026).

„The Tiberi Tapes are such a treasure“, schreibt der renommierte Jazzhistoriker und Coltrane-Biograf Ashley Kahn in seinen ausführlichen Liner Notes. Die besondere Bedeutung der Tiberi Tapes liegt im Zeitpunkt ihrer Entstehung. Zwischen 1960 und 1964 befand sich Coltrane in einer der faszinierendsten Entwicklungsphasen der modernen Musik. Aus dem revolutionären harmonischen Denken von Giant Steps entstand Schritt für Schritt die Musik seines legendären Classic Quartet, und schließlich jene künstlerische Freiheit, die wenig später in A Love Supreme kulminieren sollte.

Selbstverständlich ist die Tonqualität der Aufnahmen in keiner Weise mit offiziellen Livemitschnitten oder gar Studioaufnahmen zu vergleichen. Aus heutiger Sicht erscheint die Technik, mit der diese außergewöhnlichen Dokumente entstanden, beinahe unglaublich. Frank Tiberis Concertone TR-100 war ursprünglich eher als tragbares Diktiergerät denn für Konzertmitschnitte gedacht: ein batteriebetriebenes Tonbandgerät mit kleinen Drei-Zoll-Spulen und einem winzigen Richtmikrofon. Aufgenommen wurde mono mit 3¾ Zoll pro Sekunde; um die Bandlaufzeit zu verdoppeln, bespielte Tiberi zunächst eine Spur, drehte das Band anschließend um und nahm in Gegenrichtung auf der zweiten auf. Daher finden sich auf einigen Tapes hörbare Unterbrechungen mitten in Soli – mitunter stoppte Tiberi sogar bewusst, um kostbares Band für Coltranes nächsten Einsatz aufzusparen. Das kleine Mikrofon konnte tiefe Frequenzen nur eingeschränkt erfassen, weshalb insbesondere der Bass auf manchen Aufnahmen dünn klingt. Umso bemerkenswerter war der hervorragende Zustand der Bänder, als sie Jahrzehnte später zur Aufarbeitung eintrafen. Für die Digitalisierung setzte Toningenieur Kevin Reeves über einen Zeitraum von zwei Jahren einen ausschließlich für dieses Projekt reservierten Studer A820 mit besonders schonendem Bandtransport ein. Anschließend bearbeitete er die Aufnahmen mit den spektralen Restaurationswerkzeugen von iZotope RX, darunter auch Machine-Learning-basierte Verfahren. Diese Technologie wurde jedoch nicht als automatisierte Klangkosmetik eingesetzt, sondern, wie Reeves es beschreibt, „like a scalpel“: gezielt und von Hand, um Rumpeln und störende Nebengeräusche zu reduzieren und gleichzeitig möglichst viel von der ursprünglichen musikalischen Information zu bewahren. Das Ziel war nicht, aus den historischen Mitschnitten moderne Studioaufnahmen zu machen, sondern den Hörer so unmittelbar wie möglich an diese einzigartigen Momente heranzuführen – und, so Reeves, „to bear witness to this chapter in jazz history.“

Für John Coltrane war die Bühne ein besonderer Ort. In einem Interview von 1961 erklärte er, seine Clubauftritte klängen für ihn stets besser als das, was im Studio entstehe, vielleicht nicht hinsichtlich der Aufnahmequalität, aber „as far as the feeling of it.“

Frank Tiberi, der Saxophonist aus dem Raum Philadelphia war früh von Coltranes radikal neuer musikalischer Sprache fasziniert. Als er dessen „Countdown“ hörte, war für ihn klar, dass hier etwas Neues geschah. Coltranes Improvisation, seine harmonischen Verschiebungen und die Verbindung aus technischer Meisterschaft und emotionalem Ausdruck überzeugten ihn davon: „I just knew this was going to be the future.“

Im Sommer 1960 kaufte Tiberi schließlich seinen tragbaren Concertone TR-100 Transcorder und begann, Coltrane zu seinen Auftritten zu folgen. Was er auf den offiziellen LPs hörte, war für ihn nicht mit der Freiheit und Inspiration vergleichbar, die Coltrane Nacht für Nacht in Clubs wie dem Showboat und Pep’s in Philadelphia oder der Jazz Gallery in New York entfaltete.

Seine Aufnahmetechnik war ebenso improvisiert wie abenteuerlich: Tiberi saß mit dem Recorder in einer Stofftasche auf dem Schoß, führte das Mikrofon unter seinem Jackett hindurch und wechselte die kleinen Tonbandspulen im Dunkeln mit den Händen in der Tasche. Bei Coltranes teilweise 30 oder 35 Minuten langen Stücken wurde jede verfügbare Sekunde Band kostbar.

Tiberi nahm die Musik nicht mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung auf. Er wollte lernen. Zu Hause transkribierte er Coltranes Soli, studierte seine harmonischen Ideen und nutzte die Aufnahmen schließlich auch für seinen eigenen Unterricht. Sein Ziel, erinnerte er sich später, sei es gewesen, aus Coltranes Spiel Informationen und harmonische Erkenntnisse zu gewinnen. Material, aus dem er selbst lernen und das er an jüngere Musiker weitergeben konnte.

Bis Ende 1964 hatte Tiberi auf diese Weise mehr als 80 Tonbandspulen mit über 26 Stunden Musik von zahlreichen Auftritten in Philadelphia und New York zusammengetragen. Dann verschwanden die Bänder für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit. Tiberi hatte nie ernsthaft geplant, sie zu veröffentlichen. Selbst als er Jahre später Coltranes früherem Produzenten Bob Thiele davon erzählte und keinerlei Reaktion erhielt, blieb ihm nur eines: „So I sat on these things for more than 50 years.“

Gerade diese lange Zeitspanne macht The Tiberi Tapes zu einem außergewöhnlichen musikalischen Dokument. Die Aufnahmen begleiten Coltrane durch mehrere entscheidende Formationen und Entwicklungsstufen. Zu hören sind frühe Besetzungen mit McCoy Tyner, Steve Davis und Pete La Roca, später die Band mit Eric Dolphy, Reggie Workman und Elvin Jones sowie schließlich das Classic Quartet mit Tyner, Jimmy Garrison und Jones.

Das Programm liest sich entsprechend wie eine Reise durch Coltranes musikalisches Universum: Gleich zwei bislang unveröffentlichte Live-Versionen von „Giant Steps“ aus dem Jahr 1960 eröffnen die Sammlung. Hinzu kommen unter anderem „Thing in D Flat“, „Lover“, „West 42nd St.“, „Impressions“, „Untitled Original in F Minor“, „Satellite“, eine fast 25-minütige Version von „Good Bait“, „It’s Easy to Remember“ sowie eine ausgedehnte, auf zwei LP-Seiten verteilte Aufführung von „Resolution“ aus Pep’s in Philadelphia im Jahr 1964.

Damit dokumentiert die Veröffentlichung nicht nur einzelne Konzerte. Sie erlaubt es, Coltrane über mehrere Jahre hinweg bei der Arbeit an seiner musikalischen Sprache zu erleben: im Club, vor Publikum, mit wechselnden Mitmusikern – suchend, experimentierend und immer weitergehend. The Tiberi Tapes sind keine konventionellen professionellen Konzertmitschnitte. Ihre unüberhörbaren klanglichen Einschränkungen gehören untrennbar zu ihrer Geschichte. Tiberis einfaches Equipment und die Bedingungen in den Clubs führten zu einer wechselnden Klangqualität; Saxophon und Schlagzeug sind oftmals deutlicher präsent als Bass und die tieferen Register des Klaviers. Sein Ziel war nicht audiophile Perfektion, sondern möglichst viel von Coltranes Spiel überhaupt festzuhalten.

Gerade darin liegt heute ein Teil ihrer Faszination: Man hört nicht die kontrollierte Umgebung eines Studios, sondern befindet sich mitten in jenen kleinen Clubs, in denen Coltrane seine Musik Abend für Abend auseinandernahm, neu zusammensetzte und weiterentwickelte. Aus einem privaten Studienarchiv wurde so unbeabsichtigt ein einzigartiges historisches Dokument.

Die Existenz der Tiberi Tapes sprach sich nach Coltranes Tod 1967 unter Musikern, Studenten, Sammlern und eingefleischten Coltrane-Anhängern herum. Einige wenige bekamen Ausschnitte zu hören, darunter später auch Joe Lovano und andere Mitglieder der Woody Herman Band. Doch für die Jazzwelt blieben die Aufnahmen vor allem eines: eine Legende – „more heard about than actually heard. Until now.“

Am 6. November 2026 endet nunvdieses Warten. Mit The Tiberi Tapes erscheint auf 4 LPs und 3 CDs sowie digital erstmals Musik, die über sechs Jahrzehnte verborgen blieb: John Coltrane in seinem elementarsten Umfeld, auf der Bühne, mitten in einer Phase atemberaubender künstlerischer Entwicklung. Ein verschollen geglaubter Schatz. Eine der sagenumwobensten privaten Aufnahmesammlungen des Jazz. Und eine spektakuläre Erweiterung des musikalischen Vermächtnisses von John Coltrane.

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VÖ: 06.11.2026

 

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